Wenn Wasser wichtiger ist als Schwerkraft

Wie Pflanzenwurzeln dank MIZ1 zwischen Gravitationssinn und Wassersuche „abwägen“

22.07.2025 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Ackerschmalwand. ISTA-Professor Jiří Friml mit Arabidopsis thaliana – dem Modellorganismus seiner Forschungsgruppe. (Bildquelle: © FWF/Luiza Puiu)

Die Ackerschmalwand. ISTA-Professor Jiří Friml mit Arabidopsis thaliana – dem Modellorganismus seiner Forschungsgruppe. (Bildquelle: © FWF/Luiza Puiu)

Pflanzenwurzeln folgen normalerweise der Schwerkraft – doch bei Trockenheit ändern sie ihre Prioritäten. Ein internationales Forschungsteam hat nun gezeigt, wie ein kleines Protein namens MIZ1 Pflanzen dazu befähigt, ihre Wurzeln gezielt in Richtung Wasser zu lenken. Der Mechanismus könnte helfen, Nutzpflanzen klimaresilienter zu machen.

Pflanzen sind nicht mobil – doch ihre Wurzeln schon. Um sich im Boden zu verankern und an Wasser zu gelangen, orientieren sich Wurzeln an verschiedenen Umweltreizen. Die bekannteste dieser Wachstumsreaktionen ist der Gravitropismus: Wurzeln wachsen nach unten, in Richtung Erdmittelpunkt. Doch auch der Hydrotropismus – das gezielte Wachstum in Richtung feuchter Bodenbereiche – spielt eine wichtige Rolle, insbesondere bei Trockenheit.

Wie Pflanzen zwischen diesen beiden Reizen abwägen, war bislang kaum verstanden. Eine nun in PNAS veröffentlichte Studie von Forschenden des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) und der Northwest A&F University (China) bringt Licht ins Dunkel – und zeigt: Das kleine Protein MIZ1 ist der Schlüssel zum Umschalten vom Gravitropismus auf Hydrotropismus.

Wenn Wasser rar wird, schaltet MIZ1 um

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Die Wurzeln der Ackerschmalwand wachsen (biegen sich) bei Trockenheit nach rechts – in Richtung des feuchteren Bereichs, also weg von der Trockenheit.

Die Wurzeln der Ackerschmalwand wachsen (biegen sich) bei Trockenheit nach rechts – in Richtung des feuchteren Bereichs, also weg von der Trockenheit.

Bildquelle: © Friml Group ISTA

Das Forschungsteam konnte zeigen, dass Pflanzen bei Trockenstress ihren Gravitropismus gezielt unterdrücken – gesteuert durch MIZ1. Dieser molekulare Schalter sorgt dafür, dass die Wurzel ihre Orientierung ändert und sich stärker nach Wasserquellen ausrichtet.

Auf molekularer Ebene geschieht das über sogenannte PIN-Transporter, die das Wachstumshormon Auxin innerhalb der Wurzel verteilen. Normalerweise sorgt eine polare Verteilung dieser Transportproteine für das gravitropische Wachstum. Bei Wassermangel aber verändert MIZ1 deren Position und Beweglichkeit in der Zellmembran – die Schwerkraft verliert an Einfluss, und die Wurzel biegt zur Feuchtigkeit ab.

Der Trick mit dem drehenden Teller

Um das Zusammenspiel zwischen Wasser- und Gravitationsreiz besser zu untersuchen, nutzten die Forschenden ein cleveres Experiment: Sie platzierten Arabidopsis-Sämlinge auf rotierenden Plattformen, sogenannten Klinostaten. Durch die Rotation konnte die Pflanze keinen klaren Gravitationsvektor mehr erkennen – der Gravitropismus fiel aus. Ergebnis: Die Wurzeln folgten nun viel stärker dem Wassergradienten im Medium – der Hydrotropismus gewann die Oberhand.

Zusätzlich zeigten genetische Experimente: Fehlt das MIZ1-Gen, bleiben Pflanzen trotz Trockenstress stark gravitropisch – sie „ignorieren“ die Wasserreize. Wird hingegen die Funktion bestimmter PIN-Transporter ausgeschaltet, gewinnen selbst MIZ1-Mutanten ihre hydrotrope Fähigkeit zurück.

Neue Chancen für die Pflanzenzucht

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Nahaufnahme einer Wurzel, die sich nach links in Richtung eines feuchteren Bereichs biegt – also weg von der Trockenheit.

Nahaufnahme einer Wurzel, die sich nach links in Richtung eines feuchteren Bereichs biegt – also weg von der Trockenheit.

Bildquelle: © Friml Group ISTA

Die Ergebnisse haben großes Potenzial für die Landwirtschaft. Denn mit zunehmender Klimavariabilität – längere Trockenzeiten, unregelmäßige Regenfälle – wird die Fähigkeit von Nutzpflanzen, gezielt nach Wasser zu „suchen“, immer wichtiger.

„Wenn man Sorten von Mais oder Weizen mit besonders aktivem MIZ1 identifizieren würde, könnte man sie gezielt mit ertragreichen Linien kreuzen“, erklärt Studienleiter Jiří Friml. „So ließen sich Pflanzen züchten, die auch unter Dürrebedingungen effizient Wasser erschließen können.“

Ein molekularer Kompass für die Wurzelarchitektur

Im Boden bedeutet gezieltes Wurzelwachstum auch, dass die gesamte Wurzelarchitektur – also die Verteilung der Wurzeln im Raum – beeinflusst wird. In Versuchen mit echten Bodenfeuchte-Gradienten zeigte sich: Pflanzen mit funktionierendem MIZ1 bilden einseitige, wasserorientierte Wurzelsysteme, die Trockenheit besser ausweichen können.

Diese plastische Anpassung ist nicht nur für Pflanzen auf der Erde wichtig. Auch im All, wo der Gravitropismus entfällt, könnte das Verständnis solcher Mechanismen entscheidend dafür sein, wie Pflanzen in Schwerelosigkeit wachsen und überleben.

Ausgangspunkt für die Züchtung von klimaangepassten Pflanzen

Die Studie liefert also einen wichtigen Baustein zum Verständnis, wie Pflanzen Umweltreize in Wachstumssignale übersetzen. MIZ1 fungiert als molekularer Vermittler zwischen Wasser- und Gravitationsreiz, indem es über PIN-Transporter die Verteilung des Wachstumshormons Auxin reguliert. Damit helfen die Ergebnisse nicht nur beim Züchten klimaangepasster Nutzpflanzen, sondern eröffnen auch neue Perspektiven für Pflanzenanbau unter extremen Bedingungen – sei es auf trockenen Böden oder in der Schwerelosigkeit.


Quelle:
Zhang, Y., Bao, Z., Smoljan, A., et al. (2025): Foraging for water by MIZ1-mediated antagonism between root gravitropism and hydrotropism. In: PNAS 122 (20). doi: 10.1073/pnas.2427315122

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Titelbild: Die Ackerschmalwand. ISTA-Professor Jiří Friml mit Arabidopsis thaliana – dem Modellorganismus seiner Forschungsgruppe. (Bildquelle: © FWF/Luiza Puiu)