„Pflanzenzüchtung ist eine wunderbare Lebensaufgabe“

Interview mit Dietmar Brauer

13.08.2013 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Dietmar Brauer, geschäftsführender Gesellschafter der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG (NPZ). (Quelle: © NPZ)
Dietmar Brauer, geschäftsführender Gesellschafter der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG (NPZ). (Quelle: © NPZ)

In Zeiten von Smartphones, Tablet-PCs und Autos, die selbst einparken, vergisst man schnell, dass die Grundlage unseres Wohlstandes eine ausreichende Versorgung mit Nahrung ist. Anlässlich einer kürzlich veröffentlichten Studie zur gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Pflanzenzüchtung in Deutschland sprachen wir mit Dietmar Brauer, dem geschäftsführenden Gesellschafter der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans-Georg Lembke KG (NPZ), über den Beruf des Pflanzenzüchters, die notwenigen Rahmenbedingungen und das Bild der Branche in der Öffentlichkeit.

Pflanzenforschung.de: War Pflanzenzüchter ein lang gehegter Berufswunsch von Ihnen oder sind Sie eher zufällig zur Pflanzenzüchtung gekommen?

Dietmar Brauer: Zunächst muss ich richtig stellen, dass ich selber ja kein praktischer Pflanzenzüchter bin, sondern persönlich haftender geschäftsführender Gesellschafter unseres privaten mittelständischen Pflanzenzüchtungsunternehmens. Die NPZ ist vor über 115 Jahren von meinem Urgroßvater gegründet worden. Ich bin im elterlichen Betrieb mit der Pflanzenzüchtung aufgewachsen. In meiner Jugend habe ich mein Taschengeld aufgebessert, bin dann Mitarbeiter geworden und seit 1991 in der Unternehmensleitung. Als junger Mensch hatte ich zunächst allerdings andere Vorstellungen und wollte mehr in der praktischen Landwirtschaft tätig sein. Die landwirtschaftliche Lehre war dann später allerdings ein sehr qualifizierter Ausgangspunkt für die weitere intensive Ausbildung bis zur Übernahme der Gesamtverantwortung für das Unternehmen.

Pflanzenforschung.de: Würden Sie diesen Berufsweg heute noch einmal einschlagen? Warum oder warum nicht?

Dietmar Brauer: Die Frage beantworte ich inzwischen natürlich mit einem klaren ja. Es ist eine sehr erfüllende Lebensaufgabe und ein Privileg, das eigene Familienunternehmen mit einer großartigen Belegschaft, guten Partnern und stabiler Basis führen zu dürfen. Pflanzenzüchtung ist das Fundament für die gesamte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette. Mit den von uns gezüchteten Sorten können Landwirte immer erfolgreicher produzieren und bleiben wettbewerbsfähig. Wir tragen mit unserer Arbeit erheblich dazu bei, dass die großen, weltweiten Herausforderungen, also der Ernährung, der Rohstoffproduktion und der Ressourcenschonung bewältigt werden können. Mit diesem Bewusstsein arbeiten Pflanzenzüchter an diesen Zielen. Es ist wirklich ein äußerst befriedigendes Gefühl, daran mitzuwirken.

Pflanzenforschung.de: Vor allem durch die Gentechnikdiskussionen ist einer größeren Öffentlichkeit bewusst geworden, dass molekularbiologische Ansätze eine wichtige Rolle für die Züchtung spielen. Empfinden Sie diese veränderte Wahrnehmung als gut oder kontraproduktiv?

Dietmar Brauer: Ich bezweifle leider, dass die Gentechnikdiskussion zu einem größeren Bewusstsein hinsichtlich der Bedeutung molekularbiologischer Methoden für die Pflanzenzüchtung in der Öffentlichkeit geführt hat. Vielmehr hat man sich in dieser öffentlichen Auseinandersetzung zu sehr auf nur diese Methode der Pflanzenzüchtung konzentriert. Die Gentechnik ist eines von vielen Verfahren, Pflanzen mit den gewünschten Eigenschaften zu erhalten.

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Pflanzenzüchtung verlangt neben Wissen viel Gespür aber auch Fleiß. Denn viele Arbeiten im Zuchtgarten sind und bleiben Handarbeit.

Pflanzenzüchtung verlangt neben Wissen viel Gespür aber auch Fleiß. Denn viele Arbeiten im Zuchtgarten sind und bleiben Handarbeit.

Quelle: © NPZ

Generell umfasst die Pflanzenzüchtung eine Vielfalt an Methoden. Diese reichen von der klassischen Kreuzung und Auslese bis hin zu modernen Labor- und Analyseverfahren. Stetig werden die dem Züchter zur Verfügung stehenden Werkzeuge weiterentwickelt, um die Züchtungsprozesse noch effizienter zu gestalten und damit den globalen Herausforderungen noch schneller begegnen zu können. Hier arbeiten wir wie andere Branchen auch, die das Portfolio ihrer Methoden stets optimieren, um auf dem Markt bestehen zu können. Es wäre daher wünschenswert, wenn das Bewusstsein für die Bedeutung unserer Arbeit einerseits und die Bandbreite unserer Erfolge andererseits in der Öffentlichkeit steigen würde, damit wir Züchter gemeinsam mit den Landwirten eine zukunftsfähige Wirtschaft gestalten können.

Übrigens, die wichtigste Basis unserer Arbeit sind seit über 100 Jahren die Vererbungsregeln von Gregor Mendel – nach wie vor. Und praxistaugliche Sorten müssen im Zuchtgarten (auf dem Acker) selektiert werden.

Pflanzenforschung.de: Wie werden Pflanzenzüchter nach Ihrem Ermessen in der Öffentlichkeit und in der Politik wahrgenommen? Werden Sie überhaupt wahrgenommen?

Dietmar Brauer: Ja, sie werden wahrgenommen, allerdings häufig einseitig und fachlich unzureichend. Die Darstellung unserer Branche und das Image, das sich daraus ableitet, hat nicht nur Einfluss auf die Medien und letztlich die Verbraucher, sondern auch auf die Politik. Die Folge sind überzogene, unsachliche Reglementierungen, unzureichende Rahmenbedingungen oder das Aussitzen kritischer Themen. Als Branche haben wir natürlich die Aufgabe, eine breite Öffentlichkeit mit verständlichen Botschaften zu informieren. Das bleibt eine der großen Herausforderungen, vor denen wir auch in den nächsten Jahren stehen. Allerdings müssen die Probleme von Ernährungssicherung bis zur Ressourcenschonung im Bewusstsein der Gesellschaft Platz finden. Eine Gesellschaft, die kaum noch elementare Defizite kennt.

Pflanzenforschung.de: Entspricht diese Wahrnehmung der Bedeutung des Berufs für unsere Gesellschaft?

Dietmar Brauer: Keineswegs. Pflanzenzüchtung ist die elementare Disziplin der Pflanzenbauwissenschaften, um die Versorgung der Menschheit zu sichern. Da die Entwicklung einer Sorte mehr als 10 Jahre dauert, müssen wir Pflanzenzüchter heute schon erahnen, welche Ansprüche und Bedürfnisse Landwirte, Verbraucher und die Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten haben werden. Mit ihrem Know-how bietet die Züchtung durch die Bereitstellung moderner Sorten weltweit Problemlösungen für die genannten Gruppen. Das erfolgt in fast allen Volkswirtschaften in einem ökonomischen Prozess des Wettbewerbs. Die enorme Verantwortung, die mit dieser Aufgabe verbunden ist, spiegelt sich leider nicht in dem Bild wider, das in der Öffentlichkeit von der Züchtung gezeichnet wird.

Pflanzenforschung.de: Was ist Ihrer Meinung notwendig, damit der Beruf des Pflanzenzüchters im öffentlichen aber auch im politischen Bewusstsein eine angemessene Rolle spielt?

Dietmar Brauer: Ich würde sagen, es geht nicht um unseren Beruf allein, sondern um die Rolle der Pflanzenzüchtung generell. Pflanzenzüchtung ist für eine funktionierende und ertragreiche Landwirtschaft systemrelevant! Nur durch die Züchtung besserer Sorten können die drängenden Probleme wie Welthunger, Rohstofferzeugung oder Klimawandel gelöst werden und auch die Bedeutung der Landwirtschaft mit einer effizienten Produktion muss mehr in den Fokus rücken. Diese Erkenntnis muss vor allem bei den politischen Entscheidungsträgern ankommen und in der Praxis Umsetzung finden, z. B. durch Forschungsförderung und entsprechende gesetzliche Regelungen. Unterstützende Rahmenbedingungen wie eine praxistauglichere Umsetzung der Nachbauregelung oder dem globalen Umgang mit der Gentechnik. Das ist die Kernaufgabe der Politik, die mehr wissensbasierte Entscheidungen treffen muss und sich nicht opportunistisch verhalten darf.

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Auch das Züchten neuer Rapssorten ist Handarbeit. Um gezielt zu kreuzen übernehmen Menschen die Aufgabe von Insekten und Wind.

Auch das Züchten neuer Rapssorten ist Handarbeit. Um gezielt zu kreuzen übernehmen Menschen die Aufgabe von Insekten und Wind.

Quelle: © NPZ

Pflanzenforschung.de: Wie sieht Ihre tägliche Arbeit bei NPZ aus? Kommt sie dem Bild nah, das Sie mit einem Pinselchen von Blüte zu Blüte ziehen?

Dietmar Brauer: Dieses Sinnbild für Pflanzenzüchtung, also bei uns mit der Pinzette Elternpflanzen zu kreuzen, ist tatsächlich eine der wichtigsten Tätigkeiten, die in unserem Unternehmen ausgeführt werden. Meine tägliche Arbeit sieht natürlich anders aus. Wie eingangs dargestellt, bin ich selber kein Züchter. Diese Aufgabe muss von dafür qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgeführt werden. Ich kümmere mich um die Abläufe in meinem Unternehmen und um gute Rahmenbedingungen im und für das Unternehmen. Ich bin dann gefragt, wenn es Probleme gibt, wenn Präzedenzentscheidungen anstehen und moderiere Prozesse bei sehr wichtigen Entscheidungen für das Unternehmen. Ich bin im Marketing und Vertrieb mit unseren Kunden im Kontakt und in der Produktion mit unseren Vermehrern. Ich begleite natürlich auch die Bereiche Forschung und Sortenentwicklung oder muss mich mit den administrativen Vorgängen der Firma beschäftigen.

Pflanzenforschung.de: Anlass unseres Gesprächs ist eine kürzlich veröffentlichte Studie zur gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Pflanzenzüchtung in Deutschland. Welchen Aspekt der Studie würden Sie besonders herausstellen wollen, welcher ist Ihnen am Wichtigsten?

Dietmar Brauer: Ich halte es nicht für sinnvoll, einzelne Aspekte herauszugreifen. Denn jeder Aspekt für sich genommen zeigt nicht die Gesamtbedeutung der Züchtung für Gesellschaft ausreichend auf. Wichtig ist mir festzustellen, dass gesteigerte Flächenerträge mit gesünderen Sorten durch die Leistungen der Züchtung eine effizientere Nutzung von Agrarflächen ermöglichen. Die Pflanzenzüchtung leistet damit einen maßgeblichen Beitrag zum Umweltschutz und der Ressourcenschonung. Ohne diese Züchtungserfolge müssten weltweit noch wesentlich mehr Flächen landwirtschaftlich genutzt werden. Die direkte und indirekte Landnutzungsänderung wird durch uns reduziert. Ohne diese Fortschritte in der Pflanzenzüchtung würden jährlich weltweit Agrarprodukte für die Versorgung mit Nahrungs- und Futtermitteln sowie Rohstoffe für die Industrie und zur Energieversorgung fehlen – und das in erheblichem Umfang.

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Die folgende Berechnung zeigt: Durch Pflanzenzüchtung bedingte Produktivitätssteigerungen in Deutschland verringern den Flächenverbrauch der Landwirtschaft weltweit deutlich. Global gesehen hätte ohne diese Leistungen eine Fläche von über 1 Millionen ha zusätzlich neu kultiviert werden müssen, um die fehlende Erntemenge zu kompensieren. (Daten entstammen der Studie:

Die folgende Berechnung zeigt: Durch Pflanzenzüchtung bedingte Produktivitätssteigerungen in Deutschland verringern den Flächenverbrauch der Landwirtschaft weltweit deutlich. Global gesehen hätte ohne diese Leistungen eine Fläche von über 1 Millionen ha zusätzlich neu kultiviert werden müssen, um die fehlende Erntemenge zu kompensieren. (Daten entstammen der Studie: "Die gesellschaftliche Bedeutung der Pflanzenzüchtung in Deutschland")

Quelle: © Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e.V. (BDP)

Pflanzenforschung.de: Gibt es eigentlich Nachwuchsprobleme bei den Pflanzenzüchtern?

Dietmar Brauer: Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft sind hoch innovative Branchen mit zahlreichen, verschiedenen Arbeitsplätzen, an denen wir gut ausgebildete Mitarbeiter benötigen. Dies betrifft sowohl den akademischen Bereich als auch die technischen Abteilungen. Zunehmende Anforderungen und immer neue Technologien führen dazu, dass wir zunehmend speziell qualifizierte Mitarbeiter brauchen. Insofern haben auch wir Nachwuchsprobleme, denen wir besonders durch eigene Ausbildungs- und Förderungsprogramme begegnen.

Pflanzenforschung.de: Wenn es einen Mangel gibt, sehen Sie diesen eher im technischen oder im akademischen Bereich? (Facharbeiter vs. Wissenschaftler)

Dietmar Brauer: Da möchte ich gar keine Wertung vornehmen. In beiden Bereichen sehe ich einen zunehmenden Bedarf. Wir nehmen das Problem wahr, dass die Studiengänge oft nicht abbilden, was die Praxis eigentlich benötigt. Pflanzenzüchtungsmethodische Ansätze kommen zu kurz und ein ganz großes Defizit ist, dass die mindestens einjährige praktische, landwirtschaftliche Grundausbildung nicht mehr Voraussetzung für einen Studienabschluss ist.

Zu den technischen Bereichen in unserem Unternehmen kann ich von einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter aus dem Jahr 2011 berichten. Diese Umfrage hat ergeben, dass im Durchschnitt in unseren Züchtungsunternehmen aus dem nichtakademischen Bereich 50-60 Auszubildende pro Jahr aus den pflanzenangewandten Berufsfeldern benötigt werden. Ausbildungsgänge müssen entsprechende Voraussetzungen bieten und weiterentwickelt werden. Mit dieser Grundausbildung muss eine stetige weitere Qualifizierung oder auf spezielle Arbeitsplätze ausgerichtete Ausbildung in unserem Unternehmen einhergehen bzw. folgen.

Pflanzenforschung.de: Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche Leidenschaft sollte jemand mitbringen, der sich bei der NPZ oder in einem anderen Züchtungsunternehmen bewirbt?

Dietmar Brauer: Die Bewerber sollten vor allem umfassend ausgebildet sein und sich in der landwirtschaftlichen Praxis auskennen. Hier gibt es Defizite und ich plädiere nochmals für ein mindestens einjähriges Praktikum in einem Landwirtschaftsbetrieb, besser ist noch eine Lehre. Vielseitiges Interesse an neuen Aufgabenbereichen ist ganz wichtig, weil das meiste erst im Unternehmen gelernt wird. Bewerber müssen auch teamfähig sein.

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Pflanzenzüchtung ist vielfältig. Die Kombination aus Labor, Gewächshaus und dem Anbau auf dem Feld sind auf dem Weg zu neuen Sorten nötig. „Bewerber in der Pflanzenzüchtung sollten sich in der landwirtschaftlichen Praxis auskennen“, so Brauer.

Pflanzenzüchtung ist vielfältig. Die Kombination aus Labor, Gewächshaus und dem Anbau auf dem Feld sind auf dem Weg zu neuen Sorten nötig. „Bewerber in der Pflanzenzüchtung sollten sich in der landwirtschaftlichen Praxis auskennen“, so Brauer.

Quelle: © NPZ

Es gibt bei uns die Bereiche Züchtungsforschung, Pflanzenzüchtung, Saatgutproduktion und Vermarktung. Keine Abteilung ist eine One-Man-Show und erst das gute Zusammenwirken aller Beteiligten bringt den notwendigen Erfolg.

Ganz besonders wichtig ist mir allerdings, dass Bewerber viel Herzblut, Enthusiasmus und Freude an unserer Arbeit mitbringen. Arbeit in der Pflanzenzüchtung ist nicht nur ein Job – Pflanzenzüchtung ist eine wunderbare Lebensaufgabe.

Pflanzenforschung.de: Deutschland besticht durch eine große Vielfalt an Züchtungsunternehmen. Wie bewerten Sie die unterschiedliche Innovationskraft von Großkonzernen im Vergleich zu mittelständischen Unternehmen und Familienbetrieben?

Dietmar Brauer: Ich glaube, dass Züchtungsunternehmen egal welcher Größe grundsätzlich ähnliche Ausgangsvoraussetzungen bei den züchterischen Möglichkeiten haben, wenn es um die Innovationskraft geht. Kleine und mittelständische Züchtungsunternehmen, die aus der Landwirtschaft hervorgegangen sind, haben oftmals das Prädikat, dass sie die Bedürfnisse der Landwirte und deren Anbauregionen besonders gut kennen. Sie können unkompliziert und flexibler reagieren und Entscheidungen treffen.

Für unsere Unternehmen ist es existenziell wichtig, dass wir unter verlässlichen rechtlichen Rahmenbedingungen arbeiten können, die Investitionen in Forschung und Entwicklung ermöglichen. Rechtssicherheit durch Saatgutschwellenwerte einschließlich einer technischen Lösung für unvermeidbare Spureneinträge gentechnisch veränderter Organismen, steuerliche Erleichterungen im Bereich Forschung und Entwicklung und eine bereits erwähnte umsetzbare Nachbauregelung sind solche Rahmenbedingungen. Das Saatgutrecht und das Sortenprüfwesen in Deutschland und in der EU sorgen im Übrigen dafür, dass Landwirte beim Kauf von zertifiziertem Saatgut auf amtlich geprüfte Qualität und bei der Sortenwahl auf neutrale Bewertungskriterien zurückgreifen können. Nicht der Werbeetat eines Züchtungsunternehmens entscheidet über den Anbau einer Sorte, sondern die züchterische Qualität der amtlich zugelassenen und geprüften Sorten. Dies ist der richtige Weg, die Vielfalt der Branche, die dadurch auch eine Artenvielfalt absichert, in Deutschland (und Europa) zu erhalten.

Pflanzenforschung.de: Wir hatten bereits über die großen Veränderungen durch die Molekularbiologie für die Pflanzenzüchtung gesprochen. Welche großen Veränderungen stehen heute vor der Züchtung? Welche Technologien und Methoden werden helfen, die Innovationskraft zu erhalten?

Dietmar Brauer: Die markergestützte Selektion, also Züchtung mit molekularen Markern, ist heute schon Realität. Der rasante Preisverfall der Sequenzierung wird dies in Richtung auf eine „Sequenz-basierte Züchtung“ weitertreiben. Die Phäntoypisierung, also die Erfassung der Merkmale einer Pflanze ist seit jeher eine der Kernaufgaben des Züchters. Hier sind ebenfalls erhebliche Veränderungen in Richtung einer Technisierung und Automatisierung zu erwarten. Merkmale werden zukünftig mit technischer Unterstützung exakter, schneller und möglicherweise auch früher erfasst als bislang. Dazu werden weitere mit klassischer Bonitur nicht erfassbare Merkmale zugänglich. Auch diese Entwicklung ist längst im Gange, wird sich in Zukunft aber vermutlich rasant beschleunigen.
Beide Entwicklungstendenzen führen zu unglaublich großen Datenmengen. Diese müssen erfasst, gespeichert und für den Züchter zugänglich gemacht werden: eine große Herausforderung auf dem Gebiet der Bioinformatik. Richtig aufbereitet bieten diese Daten aber auch neue Ansätze, um Züchtungsgänge zu modellieren und zu optimieren. Wir bezeichnen dies als Züchtungsinformatik. Schließlich werden diese Hilfsmittel uns in die Lage versetzen, in dem riesigen Fundus der natürlich vorhandenden biologischen Variation – also zum Beispiel in den Genbanken – neue vorteilhafte Gene bzw. Allele zu identifizieren und mit Hilfe der genannten Methoden gezielt und schnell in Zuchtmaterial einzulagern. Die riesige Herausforderung besteht darin, diese technologischen Potentiale an die jeweiligen Bedürfnisse, aber auch die Möglichkeiten der Züchter anzupassen.

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Molekulare und biotechnologische Methoden sind aus der gängigen Züchtungspraxis nicht mehr wegzudenken. Verfahren der Gewebekultur zählen seit langem zu den Standardverfahren in der Züchtungspraxis.

Molekulare und biotechnologische Methoden sind aus der gängigen Züchtungspraxis nicht mehr wegzudenken. Verfahren der Gewebekultur zählen seit langem zu den Standardverfahren in der Züchtungspraxis.

Quelle: © NPZ

Pflanzenforschung.de: Zu guter Letzt, gibt es ein F&E Projekt, welches die Arbeit bei der NPZ nachhaltig verändert hat? Wir wissen, dass es sicherlich viele sind, aber gibt es eines das heraussticht und das ihnen besonders am Herzen liegt?

Dietmar Brauer: Bei der Norddeutschen Pflanzenzucht werden etliche Projekte mit unterschiedlichen Fragestellungen in einer eigenen Forschungsabteilung bearbeitet. Ein herausragendes Projekt ist das Verbundvorhaben PreBreed Yield. „Zielgerichtete Züchtung zur Ertragssteigerung bei Raps“ ist das Hauptziel des Vorhabens, an dem insgesamt 15 Universitäten, Forschungsinstitute und Züchtungsunternehmen aus Deutschland beteiligt sind. Die Aufklärung der genetischen Faktoren für Ertrag, die Schaffung von neuem Pflanzenmaterial und Bereitstellung neuer Technologien für die Züchtung stehen im Fokus. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Förderprogramms „Pflanzenbiotechnologie der Zukunft - Biotechnologie - Chancen nutzen und gestalten“ finanziell gefördert, insgesamt sind für das Projekt Gesamtkosten in Höhe von € 5,8 Mio. kalkuliert.

Die Gesamtkoordination des Projektes erfolgt bei uns im Unternehmen durch Frau Dr. Gunhild Leckband für die GSA – German Seed Alliance GmbH, einem Zusammenschluss von vier deutschen Züchterhäusern (Norddeutsche Pflanzenzucht, Deutsche Saatveredelung, Nordsaat und SaKa Pflanzenzucht).

Pflanzenforschung.de: Vielen Dank für das Gespräch!

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