Dr. Hövelmann (DLG) im Interview

... im Rahmen des DLG-Nachhaltigkeitsberichts 2016

03.02.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der DLG-Nachhaltigkeitsbericht zeigt: Entgegen der weit verbreiteten Meinung wird die deutsche Landwirtschaft von Jahr zu Jahr nachhaltiger. (Bildquelle © Rainer Sturm/ pixelio.de)
Der DLG-Nachhaltigkeitsbericht zeigt: Entgegen der weit verbreiteten Meinung wird die deutsche Landwirtschaft von Jahr zu Jahr nachhaltiger. (Bildquelle © Rainer Sturm/ pixelio.de)

Dr. Lothar Hövelmann ist der Geschäftsführer des Fachzentrums Landwirtschaft der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Vor kurzem erschien der DLG-Nachhaltigkeitsbreich 2016, der die Nachhaltigkeit anhand zentraler Kennzahlen aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie und gesellschaftlicher Verantwortung sowie eines Nachhaltigkeitsindex bewertet. Tendenziell, so das Fazit, befindet sich die deutsche Landwirtschaft auf dem richtigen Weg zu mehr Nachhaltigkeit, gleichzeitig existiert Optimierungspotenzial.

Pflanzenforschung.de: Der DLG-Nachhaltigkeitsbericht 2016 zeigt anhand des Nachhaltigkeitsindexes, die Landwirtschaft ist um 1,9% nachhaltiger geworden. Wie zufrieden ist die DLG als Fachorganisation mit dem Ergebnis, zumal 2015 noch von 2,1 % Wachstum die Rede war? Haben Sie sich mehr erhofft?

Der Nachhaltigkeitsindex wurde in Anlehnung an den Welthungerindex und an den Human Development Index konzipiert. Er ermöglicht eine aggregierte Aussage über die Entwicklung des Sektors Landwirtschaft in Bezug auf Nachhaltigkeit. Er zeigt einen Zuwachs von 1,9 % und weist damit einen insgesamt positiven Gesamttrend des Sektors auf. Hier korrigiert die nüchterne Statistik die aktuell vielfach geäußerte Meinung, dass in der Landwirtschaft alles schlechter werde. Daher ist das ein ordentliches Ergebnis und gleichzeitig wird klar, dass noch weitere Anstrengungen erforderlich sind.

Pflanzenforschung.de: Der DLG-Nachhaltigkeitsbericht zeigt, dass alle Schlüsselindikatoren schlechter abschnitten und Prozentpunkte im Wachstum eingebüßt haben. Wie es scheint existieren mehrere Gründe. Wo sehen Sie die Ursachen?

 
Die drei Schlüsselindikatoren sind Grundlage für den Nachhaltigkeitsindex. Gegenüber dem Vorjahr ist eine leichte Abschwächung der positiven nachhaltigen Entwicklungen der Landwirtschaft sichtbar. Die Ursachen erkennt man bei Betrachtung der Einzelindikatoren. Hier werden Stärken und Schwächen unseres Sektors deutlich, hier zeigen sich die Ansatzpunkte für Handlungen.

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Seit 2008 ist Dr. Lothar Hövelmann Geschäftsführer des DLG-Fachzentrums Landwirtschaft. Nach der Absolvierung einer landwirtschaftlichen Lehre trat er ein Agrarwissenschaftsstudium mit Schwerpunkt Pflanzenproduktion an und promovierte anschließend im Bereich Ackerbau und Bodenwissenschaften in Bonn.
Vor seiner Tätigkeit als Geschäftsführer war Hövelmann u.a. im DLG-Fachzentrum für Land- und Ernährungswirtschaft als Fachgebietsleiter für Nachhaltigkeit und Bioenergie und Geschäftsführer des Dachverbandes Agrarforschung (DAF) tätig.

Seit 2008 ist Dr. Lothar Hövelmann Geschäftsführer des DLG-Fachzentrums Landwirtschaft. Nach der Absolvierung einer landwirtschaftlichen Lehre trat er ein Agrarwissenschaftsstudium mit Schwerpunkt Pflanzenproduktion an und promovierte anschließend im Bereich Ackerbau und Bodenwissenschaften in Bonn.


Vor seiner Tätigkeit als Geschäftsführer war Hövelmann u.a. im DLG-Fachzentrum für Land- und Ernährungswirtschaft als Fachgebietsleiter für Nachhaltigkeit und Bioenergie und Geschäftsführer des Dachverbandes Agrarforschung (DAF) tätig.

Bildquelle: © DLG

Wir haben 23 Indikatoren aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie und sozialer Verantwortung untersucht. Positive Entwicklungen sehen wir beispielsweise in der Stallproduktivität, in der Flächenproduktivität und in der Arbeitsproduktivität. Die Flächenproduktivität und die Arbeitsproduktivität sind gegenüber dem Vorjahr sogar nochmal leicht angestiegen. Auch in der Ausbildungsqualität, bei den Pflanzenschutzmittelrückständen in Lebensmitteln und der Belastung des Grundwassers mit Pflanzenschutzmitteln sehen wir seit vielen Jahren positive Entwicklungen. Probleme und Herausforderungen für unsere Branche bestehen in der Stickstoffbilanz: Die Werte sind gegenüber dem Vorjahr leicht verschlechtert und insgesamt auf einem unbefriedigend hohen Niveau.

Auch in der Energieeffizienz und der Emission von Treibhausgasen ist die Situation verbesserungsbedürftig und der Rückgang der Biodiversität ruft trotz eines leichten Anstiegs im vergangenen Jahr nach stärkeren Anstrengungen. Was uns ebenfalls Sorge bereitet, ist die Anzahl der Arbeits- und Wegeunfälle. Hier haben wir uns zwar in der vergangenen Dekade über tendenziell gesunkene Werte freuen dürfen - im Zeitraum von 2000 bis 2012 hatten wir einen Rückgang von 21%. 2013 stiegen die Zahlen jedoch leider wieder an.

Das Thema Tiergerechtheit zählen wir ebenfalls zu den Herausforderungen und bei aller Wegstrecke die hier noch vor uns liegt, sollte es gewürdigt werden, dass die Branche hier schon gute und praktikable Ansätze entwickelt hat.

Pflanzenforschung.de: Im DLG-Nachhaltigkeitsbericht wird gefordert, die Optimierungspotenziale in puncto Stickstoffbilanz, Energiebilanz und Biodiversität auszuschöpfen. Wo sollte aus Sicht der DLG zuerst angesetzt werden und warum?

 
Zwischen Energie- und Stickstoffbilanz bestehen aufgrund des Energiebedarfs bei der Stickstoffdüngerproduktion enge Zusammenhänge. Wegen der Nichteinhaltung der EU-Nitratrichtlinie wurde gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Es besteht großer Handlungsbedarf, dem die Politik mit der Novelle der Düngeverordnung entspricht. Die Landwirte sollten sich jedoch - unabhängig vom Gesetzgeber - aus eigener Motivation dafür einsetzen, dass die Stickstoffsalden verbessert werden.

Die Techniken des Precision-Farming bieten wertvolle Ansatzpunkte. Und sicher muss das Thema Fruchtfolge, das in den vergangenen Dekaden etwas vernachlässigt wurde, wieder stärker in den Blickpunkt rücken. Wir brauchen mehr Kulturarten auf den Feldern, gerade mit diesem Ansatz wirken wir auf viele Indikatoren positiv ein, unter anderem auf die Biodiversität.
 
Pflanzenforschung.de: Haben Sie das Gefühl, dass die Anstrengungen der Landwirtschaft zur Erhöhung der Nachhaltigkeit angemessen gewürdigt werden, zumal Nachhaltigkeit häufig in Form von „blumigen Bildern“ präsentiert wird, von denen sich die DLG deutlich distanziert.
 
Ich habe den Eindruck, dass die meisten Verbraucher es zu würdigen wissen, dass sie flächendeckend sehr gute Lebensmittel zu sehr günstigen Preisen einkaufen können. Das ist meines Erachtens eine große Leistung für die Gesellschaft, an der die Landwirtschaft einen erheblichen Anteil hat. Andere Bereiche werden manchmal zu wenig wahrgenommen wie etwa die Fortschritte in der Tierhaltung. Die modernen Ställe bieten viel Freilauf und gute Klima- und Lichtverhältnisse, das wird zu wenig beachtet.

Die „blumigen Bilder“ sind vielleicht dann in Ordnung, wenn sie der ästhetischen Inszenierung unserer Lebensmittel dienen. Wenn diese Bilder allerdings verklärend eingesetzt werden und damit eine liebreizende landwirtschaftliche Produktion heraufbeschwören ist das unpassend. Denn die anmutige gute alte Landwirtschaft hat als Gesamtbild nie existiert und sie kann dementsprechend auch mit der heutigen Praxis nichts zu tun haben. Ein so geprägter Verbraucher ist dann logischerweise irritiert, wenn er auf die rationale und effiziente Realität trifft. Denn die wirkt kühler, als der lodenbehütete Landwirt zwischen seinen Getreidegarben, der sich zu Brotzeit auf dem Feld am ehrlichen Bier aus der Bügelflasche labt.

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Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ist eine Spitzenorganisation der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft mit Hauptsitz in Frankfurt am Main. Gegründet wurde sie im Jahr 1885. Hauptanliegen der DLG ist die Förderung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts im Agrar- und Ernährungssektor.

Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ist eine Spitzenorganisation der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft mit Hauptsitz in Frankfurt am Main. Gegründet wurde sie im Jahr 1885. Hauptanliegen der DLG ist die Förderung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts im Agrar- und Ernährungssektor.

Bildquelle: © DLG

Dabei ist die Grauzone zwischen Ästhetik und Verklärung wohl breit, unscharf und kaum zu definieren.Wir müssen also wohl auch in Zukunft mit den „blumigen Bildern“ leben; also klären wir weiter auf, es gibt Schlimmeres.

 
Pflanzenforschung.de: Wo treffen Sie bei Ihrer Arbeit auf die größten Vorbehalte, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht?


Vor einigen Jahren war „Nachhaltigkeit“ ein sogenanntes „Wieselwort“. Man konnte es nicht fassen, es flutschte einem durch die Finger. Jeder konnte sich ein angenehmes Bild zusammenpinseln und fröhlich damit um sich werfen. Nachhaltigkeit war unscharf, universalbenutzbar und stand im Ruch der Unwissenschaftlichkeit. Das trifft heute nicht mehr zu. Heute gibt es Indikatoren über die man sich herzlich streiten kann und die damit eine gute Grundlage für sachliche Auseinandersetzungen über Nachhaltigkeit bieten.

Nachhaltigkeit ist messbar geworden und damit gibt es konkrete Handlungsansätze für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Grundsätzliche Vorbehalte werden also weniger, die Kritik bezieht sich jetzt zumeist auf die Auswahl und die Bewertung von Indikatoren und das ist ein sehr normaler und hochwillkommener Vorgang in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung.
 
Pflanzenforschung.de: Als „Partner der Agrar- und Ernährungswirtschaft“ wissen sie es vielleicht: Herrscht beim Thema Nachhaltigkeit Einigkeit unter den Akteuren beider Bereiche oder existieren unterschiedliche Vorstellungen?

In der Wertschöpfungskette der Lebensmittel herrscht meines Erachtens Konsens über die Prinzipien der Definition von Nachhaltigkeit auf den einzelnen Stufen. Es ist unstrittig, dass Ökologie, Ökonomie und gesellschaftliche Verantwortung zusammen gehören. Aber es ist auch klar, dass die Akteure in der Wertschöpfungskette unterschiedliche Interessen haben. Das Produkt der einen Stufe ist der Rohstoff der nächsten und der Verkäufer von Produkten möchte teurer verkaufen als der Einkäufer von Rohstoffen einkaufen möchte. Das ist Markt und harter Wettbewerb.

Einmütigkeit herrscht wieder in punkto Qualität. Alle haben das Interesse hohe Qualitäten zu erzeugen in Prozessen, die möglichst ressourcenschonend sind. Auch Verlässlichkeit und Liefertreue haben in der Kette einen hohen Stellenwert.
 
Pflanzenforschung.de: Wie unterscheidet sich die DLG von anderen Institutionen im Agrarbereich, z.B. zum Bauernverband oder Deutschen Raiffeisenverband, und welche Position vertritt sie?
 
Die DLG ist eine politisch neutrale und wirtschaftlich unabhängige Fachorganisation. Sie fördert seit ihrer Gründung im Jahr 1885 den Fortschritt in der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Das tut die DLG erstens durch fachliche Kärrnerarbeit zum Pflanzenbau, zur Tierhaltung, zur Betriebswirtschaft und seit einigen Dekaden auch zur Nachhaltigkeit. Das findet in Netzwerken, Round-Tables und Arbeitsgruppen statt, in denen Landwirte, Wissenschaftler, Berater und weitere Experten aus Agrarwirtschaft und Administration zusammenarbeiten und veröffentlichen.

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Tendenziell befände sich die deutsche Landwirtschaft auf dem richtigen Weg zu mehr Nachhaltigkeit, dennoch bestehe Optimierungspotenzial, lautet das Fazit des DLG-Nachhaltigkeitsberichts 2016. 

Tendenziell befände sich die deutsche Landwirtschaft auf dem richtigen Weg zu mehr Nachhaltigkeit, dennoch bestehe Optimierungspotenzial, lautet das Fazit des DLG-Nachhaltigkeitsberichts 2016. 

Bildquelle: © Rainer Sturm/ pixelio.de

Zweitens führt die DLG Ausstellungen durch, um für Landwirte Transparenz über die Vielfalt der angebotenen Produkte und Dienstleistungen herzustellen. Drittens sind wir aktiv bei Qualitätsprüfungen im Bereich der Land- und Stalltechnik sowie bei Betriebsmitteln. „DLG-Anerkannt“ ist für die Branche ein Begriff und mitbestimmend für Investitionsentscheidungen der landwirtschaftlichen Unternehmer. Und schließlich kennen die meisten Verbraucher die DLG über die Lebensmittelprüfungen. Die DLG-Medaille informiert wissenschaftlich basiert und neutral über die Qualität von Produkten in den Regalen und Kühltheken.

Unser übergreifender Claim ist „Impulse für den Fortschritt“: Wir verstehen darunter wissenschaftlich-technischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Fortschritt.
 
Pflanzenforschung.de: Die Herausforderungen haben Sie bereits geschildert – wo sehen Sie für die deutsche Landwirtschaft die größten Chancen?
 
Chancen liegen eindeutig in den effizienten Prozessen. Diese haben die Landwirte in den vergangenen Dekaden sowohl im Stall als auch auf dem Feld etabliert. Landwirtschaft ist zu einem wissensintensiven Gebiet geworden. Die Betriebsmittel sind nicht mehr vorrangig im Futtertrog, Düngersack oder im Dieselfass zu finden, sondern in den Köpfen. In der Fähigkeit komplexe und effiziente Technologie zu beherrschen. Das Bildungsniveau der deutschen Landwirtschaft ist hervorragend und im internationalen Wettbewerb sind wir überwiegend gut aufgestellt.
 
Pflanzenforschung.de: Welches Potenzial sehen Sie in der fortschreitenden Digitalisierung der Landwirtschaft, Stichwort Precision Farming oder Landwirtschaft 4.0. Werden all die Entwicklungen die Landwirtschaft nicht nur ertragreicher, sondern auch nachhaltiger machen?
 
Landwirtschaft ist keine isolierte Insel sondern hochvernetzt mit allen anderen Wirtschaftsbranchen und gesellschaftlichen Bereichen. Diese sind alle erfasst vom Megatrend der Digitalisierung. Wir sprechen vom zweiten Maschinenzeitalter, von der Industrie 4.0. Informationen fallen in Hülle und Fülle an, Datenspeicherung ist kein wesentlicher Kostenfaktor mehr. Aufgrund dieser Vernetzung hat die Digitalisierung die Landwirtschaft bereits voll erfasst und das wird noch zunehmen.

Wenn wir wieder weniger über Maut und mehr über Breitband reden und entsprechend handeln, wird Datenübertragung in ländlichen Räumen zukünftig angemessen schnell möglich sein. Kurz: die Potenziale sind enorm und die Frage stellt sich eher, in wie weit wir sie heben können.

Dabei sind die Fragen von Datenbesitz und Datensicherheit wichtige Eckpunkte für die Akzeptanz der Digitalisierung. Und es geht darum, aus den Datenmassen, den Giga-und-noch-mehr-Bytes, verwertbare und entscheidungsrelevante Informationen im Kilobytebereich zu machen. Sicherlich wird die Effizienz der landwirtschaftlichen Produktion weiter gesteigert und negative Produktionsbegleiterscheinungen vermindert werden. Das ist eine sehr gute Entwicklung in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit, Digitalisierung wird hier hilfreich sein.
 
Pflanzenforschung.de: Zum Schluss eine persönliche Frage: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Produkte im Supermarktregal sehen, die mit Nachhaltigkeit werben?
 
Ich freue mich darüber und stelle mir die Frage, was hier mit Nachhaltigkeit gemeint ist. Und dann hoffe ich auf zufriedenstellende Antworten auf der Packung oder aus den darauf angegebenen Informationsquellen.

Pflanzenforschung.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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