Insektizid-Belastung deutlich höher als erwartet

Forscher haben weltweit die Belastung von Gewässern analysiert

20.04.2015 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Pestizdapplikation auf einer Ackerfläche in Nordwestdeutschland. (Bildquelle: © Renja Bereswill)
Pestizdapplikation auf einer Ackerfläche in Nordwestdeutschland. (Bildquelle: © Renja Bereswill)

Die Zahlen sind erschreckend, die Folgen bisher nicht absehbar. Doch eins scheint sicher: Wenn sich die Belastung der Gewässer mit Insektiziden nicht weltweit bald verringert, werden viele Wasserlebewesen nicht überleben. Am Ende der Kette steht der Mensch, der nun durch Forschung und Politik handeln muss, bevor es zu spät ist.

Wissenschaftler der Universität Koblenz-Landau schlagen Alarm: Die globale Belastung der Gewässer mit Insektiziden ist weit höher als bisher angenommen. Bei über 40 Prozent der Fälle, in denen ein Insektizid in einer Wasserprobe weltweit nachgewiesen wurde, war die gefundene Konzentration höher als sie laut behördlichem Zulassungsverfahren sein dürfte. Die Sedimente am Grund der Gewässer waren sogar in 80 Prozent der Proben höher als erlaubt.

Ihre Daten haben die Landauer Wissenschaftler aus insgesamt 838 Studien mit 11.300 Messewerten von Insektiziden in Gewässern. Dabei erfassten sie 28 verschiedene Insektizide, die fast alle noch in den USA oder der EU zugelassen sind. Die Insektizid-Konzentrationen stammen von über 2.500 Probestellen aus 73 verschiedenen Ländern und wurden zwischen 1962 und 2012 wissenschaftlich veröffentlicht.

Insektizide: signifikante Gefahr für die Biodiversität in Gewässern

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Insektizide sind eine signifikante Gefahr für die Biodiversität in Gewässern weltweit, schlussfolgern die Forscher.

Insektizide sind eine signifikante Gefahr für die Biodiversität in Gewässern weltweit, schlussfolgern die Forscher.

Bildquelle: © Rudolpho Duba / pixelio.de

„Diese Ergebnisse zeigen, dass Insektizide eine signifikante Gefahr für die Biodiversität in Gewässern weltweit darstellen“, schlussfolgern die Forscher, und weiter: „Die behördliche Risikobewertung für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln bietet offenbar keinen ausreichenden Schutz.“ Doch nicht nur in der behördlichen Risikobewertung klaffen offenbar Lücken, auch deren Umsetzung ist nur in wenigen Fällen kontrollierbar. Halten sich die Landwirte nicht an die Auflagen, die es zu jedem zugelassenen Insektizid gibt, ist auch mit einer verbesserten Risikobewertung nur wenig gewonnen.

Kontrolle mangelhaft

Wird ein Insektizid neu zugelassen, legen die zuständigen Behörden eine Konzentration fest, bist zu dieser das Insektizid als unbedenklich gilt. Erst wenn diese Konzentration überschritten wird, sind Gewässer und die darin lebenden Pflanzen und Tiere in Gefahr. Für Landwirte bedeutet das, dass sie beim Spritzen der Pflanzen beispielsweise Mindestabstände von bis zu 20 m zum nächsten Gewässer einhalten sollten. Doch wer überprüft das in der Praxis? Auf den Feldern sind die Bauern sich selbst überlassen und müssen lediglich vor ihrem Gewissen verantworten, inwiefern sie sich an die Behördenauflagen halten. Sicherlich handeln die meisten Bauern verantwortungsvoll. Aber was geschieht mit den schwarzen Schafen, die nicht nur alle Landwirte in Misskredit bringen, sondern auch Einfluss auf deren Produktions- und Lebensraum nehmen?

Striktere Zulassungsverfahren nutzlos

Die USA und die EU haben bereits in den 1990er Jahren ihren Bewertungs- und Zulassungsverfahren für Insektizide verschärft. Von großen Nutzen scheinen diese Restriktionen allerdings nicht gewesen zu sein, wie die Daten der Wissenschaftler zeigen: In Ländern mit vergleichsweise liberalen Gesetzgebung wie Afrika und Asien lagen 42 Prozent der Gewässerproben im inakzeptablen Bereich. In westlichen Ländern mit anspruchsvoller Umweltgesetzgebung (USA, Kanada, Deutschland, Australien oder Japan) lag der Wert mit 40 Prozent erstaunlicherweise nur knapp darunter.

Kombination mehrerer Insektizide besonders bedenklich

Die Auswirkungen zu hoher Insektizid-Belastungen in den Gewässern rund um den Globus sind beängstigend: „Selbst bei Konzentrationen, die laut Zulassungsverfahren noch als unbedenklich gelten, reduziert sich die Biodiversität der Lebewesen im betreffenden Gewässer um etwa 30 Prozent“, schreiben die Studienautoren. Saisonal bedingte Belastungsspitzen oder eine Kombination mehrerer Insektizide treiben viele Gewässer an den Rand ihrer Belastbarkeit. Einzelne zugelassene Maximalkonzentrationen greifen hier nicht mehr. Über Jahre hinweg verändern solche Insektizid-Spitzen dauerhaft die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften im Wasser. Bei über 80 Prozent der Proben, die auf mehrere Insektizid-Wirkstoffe untersucht wurden, wurden gleich mehrere Wirkstoffe nachgewiesen – teilweise über 30 in einem Gewässer.

Forschungsbedarf: Viel zu wenige Daten

Die Wissenschaftler vermuten sogar, dass ihre Daten nur die Spitze eines Eisbergs sind. Denn für etwa 90 Prozent der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen liegen überhaupt keine Daten zur Insektizid-Belastung der umliegenden Gewässer vor. So gibt es beispielsweise keine Daten für Russland, für große Teile Afrikas und Südamerikas.

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Pestizide müssen vor der Zulassung ein umfangreiches Risikobewertungsverfahren durchlaufen, bei dem für jedes Pestizid eine Konzentration festgelegt, die als unbedenklich für Umwelt und Tiere gilt. Damit diese Konzentration auch in der Praxis nicht überschritten wird, müssen Landwirte bei der Ausbringung oftmals Auflagen einhalten, z. B. einen Mindestabstand von bis zu 20 m zum nächsten Gewässer.

Pestizide müssen vor der Zulassung ein umfangreiches Risikobewertungsverfahren durchlaufen, bei dem für jedes Pestizid eine Konzentration festgelegt, die als unbedenklich für Umwelt und Tiere gilt. Damit diese Konzentration auch in der Praxis nicht überschritten wird, müssen Landwirte bei der Ausbringung oftmals Auflagen einhalten, z. B. einen Mindestabstand von bis zu 20 m zum nächsten Gewässer.

Bildquelle: © Stockr/Fotolia.com

Für Deutschland konnten die Wissenschaftler nur 138 Insektizid-Konzentrationen berücksichtigen. „Das ist eine relativ geringe Anzahl von Messwerten, die zeigt, dass in Deutschland zur Pestizidbelastung von Gewässern in der Landwirtschaft kaum wissenschaftlich fundierte Informationen vorliegen“, schreiben die Wissenschaftler.

Lösungsansätze

Einen Weg aus der Misere sehen die Forscher auf zwei Ebenen. Als Grundlage aller nachfolgenden Überlegungen und Handlungen brauchen Entscheidungsträger aus der Politik valide Daten aus der Forschung. Dazu müssten global weitaus mehr Gewässer regelmäßig überprüft werden. Auch die Wirkung von Insektizid-Gemischen auf verschiedene Lebewesen müsste genauer untersucht und die bisher geltenden Höchstkonzentrationen einzelner Wirkstoffe eventuell angepasst werden.

Des Weiteren fordern die Wissenschaftler, dass Insektizide auch nach ihrer Zulassung weitaus strikter als bisher überwacht werden. Nur wenn bekannt ist, welche Mittel in welchen Mengen wo zum Einsatz kommen, können Gewässer nachhaltig vor Spitzen an Insektizid-Belastungen geschützt werden.

Aber nicht nur in der Überwachung und Zulassung besteht Handlungsbedarf. Vielmehr geht es darum Anbausysteme und Produktionsmethoden so zu verändern, dass diese stabile und ausreichend Erträge bieten, gleichzeitig aber das Agrar-Ökosystem und die Umwelt schützen. Eine weitere Möglichkeit besteht im sogenannten intergierten Pflanzenschutz. Dabei werden angebaute Pflanzen widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge gemacht, so dass weniger Pestizide ausgebacht werden müssen. Insektizide würden nur dann zum Einsatz kommen, wenn der Befall mit Schadinsekten sehr hoch oder unvorhersehbar war, so dass keine resistenten bzw. toleranten Sorten angebaut wurden. Aber auch den integrierten Pflanzenschutz gilt es kontinuierlich weiterzuentwickeln und den neuen Erkenntnissen anzupassen. Landwirtschaft ist, wie jeder andere Wirtschaftszweig auch, ein sich ständig veränderndes System.

Im Zuge der wachsenden Weltbevölkerung und der damit steigenden Nachfrage nach immer mehr Lebensmitteln sollte überprüft werden, ob der bisherige Umgang mit Insektiziden langfristig zu einer nachhaltigen und vor allem umweltverträglichen Ertragssteigerung führen kann. Denn selbst wenn diese Mittel kurzfristig Erfolge erzielen und Schädlinge bekämpfen, nützt das wenig, wenn wenige Jahre später der Lebensraum „Wasser“ zerstört ist.

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