500 Szenarien für die Ernährung im Jahr 2050

Ernährungssicherung ohne weiteren Verlust von Waldflächen ist möglich

06.05.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Den vorhandenen Wald zu schützen, ist ein dringliches Ziel, da er eine wichtige Rolle beim Klimaschutz spielt. (Bildquelle: © Kseniya Ragozina / Fotolia.com)
Den vorhandenen Wald zu schützen, ist ein dringliches Ziel, da er eine wichtige Rolle beim Klimaschutz spielt. (Bildquelle: © Kseniya Ragozina / Fotolia.com)

Kann die Landwirtschaft eine wachsende Bevölkerung ernähren ohne weitere Waldgebiete anzutasten? Um dies zu ermitteln, haben Forscher 500 unterschiedliche Szenarien analysiert. Diese variieren im Hinblick auf Erträge, Flächenverbrauch, Futtermittel und der menschlichen Ernährung.

Der vorhandene Wald spielt eine wichtige Rolle beim Klimaschutz, da er große Mengen an Kohlenstoff bindet. Außerdem ist er mit seinen zahlreichen Pflanzen- und Tierarten wichtig für den Erhalt der Biodiversität. Ein beträchtlicher Teil des weltweiten Waldbestands wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte gerodet und einer landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Die noch vorhandenen Bestände zu schützen, ist ein dringliches Ziel. Gleichzeitig muss die Weltbevölkerung ernährt werden. Bis 2050 werden dies laut Vereinte Nationen 9.7 Milliarden Menschen sein. Eine aktuelle Studie bestätigt nun die Annahme, dass auch bei einer wachsenden Bevölkerung nicht zwangsläufig Waldflächen zu landwirtschaftlich genutzten Flächen umgewandelt werden müssen, um die Ernährungssicherung zu gewährleisten.

Zwei Drittel aller Szenarien möglich

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Vegane oder vegetarische Ernährung würde die Umwelt schonen, auch wenn die globale Bevölkerung weiter wächst.

Vegane oder vegetarische Ernährung würde die Umwelt schonen, auch wenn die globale Bevölkerung weiter wächst.

Bildquelle: © Dani Vincek / Fotolia.com

Forscher errechneten nun 500 verschiedene Szenarien mithilfe von Einflussgrößen wie den zu erwartenden Erträgen, Flächenverbrauch und Futtermitteln. Den größten Einfluss auf ein Szenario hat aber die zukünftige Ernährungsweise des Menschen. Die Menge der als Nahrung aufgenommenen Kalorien und die Art und Weise, wie wir diese Kalorien unserem Körper zuführen, sind die entscheidenden Stellschrauben für den Schutz anderer Ökosysteme.

Die Forscher unter der Leitung von Prof. Dr. Karlheinz Erb klassifizierten die verschiedenen Szenarien als „durchführbar“, „wahrscheinlich durchführbar“ und „nicht durchführbar“. Die Durchführbarkeit wurde, in einer hypothetischen Welt ohne Verlust von Waldgebieten, als ein Zustand definiert, in dem die Anbaufläche dem Nahrungsmittelbedarf entspricht und die Beweidungsintensität sich in einem ökologisch vertretbaren Rahmen bewegt. Daraus ergab sich ein Optionenraum der alle durchführbaren Szenarien vereint.

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die meisten der berechneten Szenarien in der Lage wären, die weltweite Bevölkerung im Jahr 2050 zu ernähren, ohne das weitere Abholzung nötig wäre. Fast zwei Drittel aller errechneten Szenarien, so die Studie, wären ohne weitere Umwandlung von Waldflächen zu landwirtschaftlichen Flächen realisierbar oder zumindest wahrscheinlich realisierbar.

Vegane und vegetarische Ernährung gut, aber nicht realistisch

In der Szenarienanalyse schneiden eine komplett vegane oder eine mit nur einem geringen Anteil tierischer Produkte auskommende Ernährungsweise am besten ab. Diese schonen die Umwelt, auch wenn die globale Bevölkerung weiter wächst. Diese Erkenntnis wurde bereits in anderen Studien herausgearbeitet, jedoch bedarf die Umsetzung eines größeren Werte- und Kulturwandels im Ernährungsverhalten. Eine vegane bzw. stark fleischreduzierte Ernährung kommt mit der Hälfte der Acker- und Weideflächen und der Hälfte der Erträge aus, wenn man diese mit einer fleischreichen Ernährung vergleicht. Auch berücksichtigen Studien oft nur unzureichend, dass Landwirtschaft sehr oft eine Kopplung der Produktion bedeutet. Beispiel Raps: Dieser wird mit dem Hauptprodukt Speise- und Industrieöl sowie zur Biodieselherstellung angebaut. Der dabei anfallende Pressrückstand, der Rapskuchen, ist ein begehrtes und vor allem wichtiges Futtermittel, auch zur Einsparung von Sojaimporten.

Weltweite Bio-Landwirtschaft ist ebenfalls schwierig umsetzbar

Die Verringerung des Anteils tierischer Produkte in der Ernährung wäre auch die Voraussetzung für den globalen Erfolg der Bio-Landwirtschaft. Bei einer Ausdehnung der biologischen Landwirtschaft, mit ihren vergleichsweise geringen Erträgen, kann nur auf die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Flächen verzichtet werden, wenn gleichzeitig der Konsum tierischer Produkte stark eingeschränkt wird. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass mit einem wachsenden Konsum von Fleisch auch die Notwendigkeit wächst, die Produktivität auf der Fläche zu erhöhen oder existierende Waldflächen und andere Refugien in landwirtschaftlich genutztes Land umzuwandeln.

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Mit Bio-Landwirtschaft auf dem heutigen Produktionsniveau wäre es nicht möglich die Welt zu ernähren, ohne weitere Waldflächen zu roden.

Mit Bio-Landwirtschaft auf dem heutigen Produktionsniveau wäre es nicht möglich die Welt zu ernähren, ohne weitere Waldflächen zu roden.

Bildquelle: © neurolle - Rolf / Pixelio.de

Weltweite Ernährung nach Vorbild der Industrienationen

Die Szenarien verdeutlichen, dass neben dem Ernährungsverhalten auch die Intensität der Landwirtschaft ein wichtiger Faktor ist. Vor allem wenn sich eine westliche Ernährung, mit stärkerem Fleischanteil, weltweit durchsetzt kann eine intensiviere Landwirtschaft, mit höheren Erträgen, den Druck auf andere Ökosysteme verringern. In Schwellenländern wie China oder Brasilien zeigt sich bereits, dass Staaten in großen Teilen die westliche Ernährung übernehmen. Aus diesem Grund integrierten die Wissenschaftler in ihrer Studie auch Szenarien, einer weltweiten Übernahme der Ernährungsweise von Industrienationen.

Eine weitere Abholzung wäre nur nicht notwendig, wenn es gelingt die Erträge massiv zu steigern. Die Forscher sprechen hier bei einem Anbau mit hohen Erträgen von minimalen Ertragssteigerungen ab 40 Prozent. Gleichzeitig müssen Weideflächen in Ackerland umgewandelt werden. Mit Bio-Landwirtschaft auf dem heutigen Produktionsniveau wäre es in diesem Fall nicht möglich, die Welt zu ernähren ohne weitere Waldflächen zu roden. Allerdings lassen sich die Erträge nicht überall steigern. In Westeuropa betreiben die Landwirte bereits eine sehr intensive Landwirtschaft. Ist das Ertragspotenzial hier bereits ausgereizt, müssen sie an anderer Stelle dementsprechend mehr steigen.

Aspekte der Tierhaltung

Nicht alle landwirtschaftlich genutzten Flächen sind für die Ackernutzung geeignet. Diese können aber als Weideflächen oder Flächen für die Bereitstellung von Futter wie z. B. Heu genutzt werden. So tragen auch diese weniger produktiven Flächen zur Ernährungssicherung bei. Auch betrachtet die Studie die Tatsache, dass in vielen Regionen die Viehhaltung zur Unterstützung der Landwirtschaft notwendig ist. Dies können Arbeitstiere zur Bewirtschaftung der Flächen, oder den Transport von Waren sein. Darüber hinaus sind sie mit ihren Exkrementen wichtige Nährstofflieferanten. Die Nutzung von Flächen für die Tierhaltung hat also auch positive Aspekte.

Die Art und Weise, wie Tiere gehalten und gefüttert werden, stellt eine weitere Einflussgröße dar. Hier kann gesagt werden, dass die Weidelandwirtschaft mit Wiederkäuern konfliktärmer ist, da ihre Nahrungsgrundlage nicht zwangsläufig im Wettbewerb mit Feldfrüchten steht. Ist Weideland beschränkt muss allerdings mit Getreide gefüttert werden.

Die Vorteile veganer Ernährung

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Die Nutzung von Flächen für die Tierhaltung hat auch positive Aspekte, da beispielsweise nicht alle landwirtschaftlich genutzten Flächen für die Ackernutzung geeigne sind.

Die Nutzung von Flächen für die Tierhaltung hat auch positive Aspekte, da beispielsweise nicht alle landwirtschaftlich genutzten Flächen für die Ackernutzung geeigne sind.

Bildquelle: © Petra Dirscherl / Pixelio.de

Neben der globalen Ernährungssicherung und dem Erhalt der Wälder kommt ein weiterer, nicht unbedeutender Aspekt hinzu. Eine Verringerung von tierischen Produkten auf unseren Speisekarten würde auch zu einer besseren Gesundheit führen. Besonders in den Industrienationen wird der zu hohe Fleischkonsum als eine der Ursachen für die Herausbildung von Diabetes, Krebs, Nieren- oder Herzkreislauf-Erkrankungen benannt.

Umsichtiger Umgang von Lebensmitteln hilft

Zwar fokussiert sich die Studie nicht primär auf Nahrungsmittelverschwendung, allerdings rechnen die Autoren auch diesem Faktor, genau wie ein weltweit fairer Handel von Lebensmitteln, eine wichtige Rolle zu. Ein Drittel der globalen Nahrungsmittelproduktion findet nicht den Weg auf den Teller. Ein umsichtiger Umgang mit Lebensmitteln würde also ebenfalls zur Stärkung der globalen Lebensmittelsicherheit beitragen. Gleichzeitig kann ein besserer Umgang mit diesen Ertragsschwankungen durch Klimafolgen wie z. B. eine Zunahme von Wetterextremen oder den Anstieg der Meeresspiegel und den drohenden Verlust landwirtschaftlicher Flächen durch Überflutung oder Wind- und Wassererosion entgegenwirken.

1.4 Milliarden Menschen leiden heute an Unterernährung

Die Autoren beschreiben die Voraussetzungen für eine hypothetische Ernährungssicherung im Jahr 2050. Allerdings ist Unterernährung mit 1.4 Milliarden Menschen auch heute noch ein existierendes Problem. Besonders betroffen sind unter anderem Staaten Zentral – und Ostafrikas und einige asiatische Staaten. In Bangladesch beispielsweise leiden 11 Millionen Männer und 13 Millionen Frauen an Unterernährung. Daher ist es laut der Autoren notwendig, entweder die Landnutzung in Gegenden wie den natürlichen Grasländern der Savannen zu intensivieren oder die globalen Handelsströme massiv zu stärken.

Mit ihrer Studie und den 500 Szenarien unterstreichen die Autoren, dass die Landwirtschaft die Welt im Jahr 2050 ernähren kann. Damit dies gelingt, muss an zahlreichen Stellschrauben gearbeitet werden. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt, verbesserte Sorten und Produktionssysteme, aber eben auch Veränderung in den sogenannten „weichen“ jedoch nicht weniger bedeutenden Faktoren inklusive der Hinterfragung von Lebens- und Ernährungsstilen sind nötig.

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