Der Steinzeitdiät auf der Spur

Pflanzliche Kost unserer Vorfahren war überraschend vielfältig

12.12.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Die Menschenaffen, Hominiden, ernährten sich überraschend vielfältig. Im Winter und Frühling gab es dabei viel grünes Gemüse. (Bildquelle: © lilechka75/Fotolia.com)
Die Menschenaffen, Hominiden, ernährten sich überraschend vielfältig. Im Winter und Frühling gab es dabei viel grünes Gemüse. (Bildquelle: © lilechka75/Fotolia.com)

Millionen von Menschen ernähren sich inzwischen nach der Steinzeitdiät, einer Ernährungsform, bei der die Hälfte der Kalorien durch Fleisch aufgenommen wird. Wissenschaftler haben nun Pflanzenfossilien aus der Altsteinzeit untersucht und herausgefunden, dass auf dem Speiseplan unserer Vorfahren über 9.000 Pflanzenarten standen.

Die Steinzeitdiät (Paleo-Diät) wird in den Industriestaaten immer beliebter: Ihre Anhänger verzichten auf Zucker, Getreide und Milchprodukte und nehmen dafür etwa die Hälfte der Kalorien durch Fleisch und Fisch auf. Ansonsten ernähren sie sich vorwiegend von Gemüse, Früchten und Nüssen. Diese Diät soll die Ernährungsweise unserer Vorfahren aus der Altsteinzeit imitieren und Zivilisationskrankheiten vorbeugen.

Bisher sind Wissenschaftler nämlich davon ausgegangen, dass frühe Hominiden sich hauptsächlich von Fleisch und somit Protein-basiert ernährt haben. Zu diesem Schluss kamen Wissenschaftler, weil bei archäologischen Ausgrabungen vor allem Tierskelette gefunden wurden, aber keine pflanzlichen Nahrungsüberreste. Die Analyse von Pflanzenfossilien aus der Altsteinzeit stellt diese Fleisch-basierte Diät nun in Frage.

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Bei der sogennanten Steinzeitdiät oder Paleo-Diät wird die Hälfte der Kalorien durch Fleisch aufgenommen. Doch  archäologische Ausgrabungen weisen daraf hin, dass sich unsere Vorfahren bereits sehr ausgewogen mit Pflanzen ernährten.

Bei der sogennanten Steinzeitdiät oder Paleo-Diät wird die Hälfte der Kalorien durch Fleisch aufgenommen. Doch  archäologische Ausgrabungen weisen daraf hin, dass sich unsere Vorfahren bereits sehr ausgewogen mit Pflanzen ernährten.

Bildquelle: © Rainer Sturm / pixelio.de

In Gesher Benot Ya’aqov, einem archäologischen Fundplatz im nordöstlichen Jordantal in Israel wurde eine einzigartige makrobotanische Fossiliengesellschaft gefunden, die Fossilien von Früchten, Samen und Nüssen enthält. Sie ist etwa 780.000 Jahre alt. Die Fundstätte liegt im Levantinischen Korridor, einer Route, auf der mehrere Wellen der Völkerwanderung aus Afrika in Richtung Europa gekommen sind. Der Fund gibt daher nicht nur Aufschluss über die Ernährung der Hominiden in der Altsteinzeit, sondern auch über ihre Fähigkeit, sich an eine neue Umgebung anzupassen.

Ausgewogene pflanzliche Kost war das ganze Jahr verfügbar

Wissenschaftler haben die Fossilien nun analysiert. Insgesamt haben sie über 100.000 Pflanzenfragmente untersucht, von denen 20.912 identifiziert werden konnten. 9.148 der zugeordneten Pflanzen zählen zu den Nahrungspflanzen. Sie gehören 55 unterschiedlichen Taxa an. Als Nahrungspflanzen sind alle Pflanzen definiert, die von ländlichen Gesellschaften gegessen werden. Frühe Hominiden haben aber vermutlich auch Pflanzen gegessen, die wir heute nicht mehr als Nahrungspflanzen einordnen würden.

Die Wissenschaftler haben die archäologischen Schichten mit geologischen Schichten vergleichen. Der Vergleich hat ergeben, dass die archäologischen Schichten deutlich mehr essbare Pflanzenfragmente enthalten, als die geologischen. Daraus haben die Forscher geschlossen, dass unsere Vorfahren die essbaren Pflanzen gezielt gesammelt haben. Der Fund lässt daher auf eine sehr abwechslungsreiche pflanzliche Ernährung schließen, die durch Fisch und Fleisch ergänzt wurde.

Die meisten Baumarten, die die Wissenschaftler in Gesher Benot Ya’aqov identifiziert haben, wachsen auch heute noch in der Region. Daraus lässt sich schließen, dass das Klima damals dem heutigen mediterranen Klima im Jordantal entspricht: Schon in der Steinzeit gab es dort heiße, trockene Sommer und verregnete Winter. Dieses Klima bescherte den Hominiden das ganze Jahr über pflanzliche Kost. Im Winter und Frühling gab es viel grünes Gemüse. Zum Beispiel haben die Forscher die Gemeine Rübe (Beta vulgaris) gefunden, die wir heute in ihren Kulturformen wie Mangold oder Rote Bete kennen. Im Frühsommer wurden essbare Samen und Früchte reif.

So aßen unsere Vorfahren wohl damals die Samen der Mariendistel (Silybum marianum) und die Früchte des Sidarbaums (Ziziphus spina-christi). Beide Pflanzen werden auch heute noch angebaut. Die Mariendistel in erster Linie als Heilpflanze, aus den Früchten des Sidarbaums, der heute zum Beispiel auf der Sinai-Halbinsel oder in den Oasen der Sahara angebaut wird, gewinnt man ein alkoholisches Getränk. Im Sommer und im Herbst sammelten die frühen Hominiden Nüsse und Früchte. Unter anderem fanden die Forscher sehr nährstoffreiche Lotussamen (E. ferox) und Wasserkastanien (T. natans): Sie versorgten die frühen Hominiden mit Stärke und Proteinen.

Zubereitung über dem Feuer machte Pflanzen genießbar

Wissenschaftler haben in Gesher Benot Ya’aqov auch verbrannte Steine, verkohltes Holz und verkohlte Früchte gefunden. Damit liefert der Ort den ältesten Nachweis für die kontrollierte Nutzung von Feuer außerhalb Afrikas. Unsere Vorfahren rösteten einen Teil ihrer Nahrung, um ihn genießbar oder schmackhaft zu machen und erweiterten so ihr Nahrungsspektrum. Die Wissenschaftler haben zum Beispiel versteinerte Reste der gelben Teichrose (Nuphar lutea) gefunden, die eigentlich giftig ist. Geröstet sind ihre Samen jedoch essbar.

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Auf dem Speiseplan unserer Vorfahren stand eines nicht: Zucker. Auch Getreide und Milchprodukte fehlten in der Ernährung.

Auf dem Speiseplan unserer Vorfahren stand eines nicht: Zucker. Auch Getreide und Milchprodukte fehlten in der Ernährung.

Bildquelle: © günther gumhold / pixelio.de

Auch Eicheln und Schilfrohrsprossen haben die Hominiden im Jordantal geröstet verzehrt, ebenso wie das Rhizom der Schwanenblume (Bytomus umbelatus), das in einigen Regionen Asiens noch heute getrocknet und zu Mehl verarbeitet wird. Auch Reste des Knolligen Zyperngrases (Cyperus rontundos) wurden identifiziert. Die Knolle, die einen haselnussartigen Geschmack hat, kann ebenfalls gemahlen und wie Getreide verarbeitet werden.

Die pflanzliche Nahrung, die den Hominiden zur Verfügung stand, war überraschend vielfältig. Vegetarisch haben sich unsere Vorfahren allerdings nicht ernährt: Fossilienfunde lassen darauf schließen, dass auch Säugetiere wie Damwild, Vögel, Fische, Amphibien sowie wirbellose Land- und Wassertiere auf dem Speiseplan standen. Unsere Vorfahren waren nahrungstechnisch extrem anpassungsfähig, was sicherlich ein wichtiger Grund für das evolutionäre Erfolgsmodell „Mensch“ ist.  So konnten sie sich an die Umweltbedingungen des östlichen Mittelmeerraums anpassen – eine wichtige Voraussetzung für eine langfristige Ansiedelung außerhalb Afrikas.

Stellenwert von Fleisch in der steinzeitlichen Ernährung bisher überschätzt

Durch die Analyse der Pflanzenfossilien haben die Wissenschaftler gezeigt, dass tierischen Eiweißen und Fetten in der Rekonstruktion der steinzeitlichen Ernährung bisher ein zu hoher Stellenwert beigemessen wurde. Vermutlich weil Reste pflanzlicher Nahrung schneller verrotten und daher vielerorts nicht mehr nachgewiesen werden konnten. Die heutigen Anhänger der Steinzeitdiät sollten also eher auf eine ausgeglichene und ausgewogene Ernährung achten. Weniger Fleisch und Fisch und dafür mehr Früchte, Nüsse und Gemüse gehörten damals und gehören heute auf den Speiseplan. Mit dem Verzicht auf Milchprodukte, Getreide und Zucker werden sie der altsteinzeitlichen Ernährungsweise im Jordantal gerecht. Diese Lebensmittel spielten erst seit der Neolithischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren eine Rolle für die menschliche Ernährung, als die Menschen sesshaft wurden und begannen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben.

Was eine gesunde Ernährung ist und, ob die Steinzeitdiät für Menschen in heutigen Industriegesellschaften gesünder sei, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Einige der Begründer der Steinzeitdiät haben ihre strikten Ansichten in den letzten Jahren revidiert und propagieren das Prinzip einer ausgewogenen, ausgeglichenen und der jeweiligen Lebenssituation angepassten Ernährung. Klar ist aber auch, dass wir in Deutschland der glücklichen Situation sind entscheiden zu können, was wir essen. Saisonale Abhängigkeiten und Hunger sind nach wie vor für über 800 Millionen Menschen auf der Welt furchtbarer Alltag. Ein Alltag der auch für unsere prähistorischen Vorfahren, vor knapp einer Million Jahren, mit Sicherheit real war.

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