Wenn du in Deutschland lebst, musst du üben, Fleisch zu essen.

Pflanzenvielfalt vor dem Vergessen bewahren

Eswar Ramereddy / Indien

21.04.2014 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Exotische und kulinarische Vielfalt, wohin das Auge reicht. (Bildquelle: © iStock.com/ simongurney)
Exotische und kulinarische Vielfalt, wohin das Auge reicht. (Bildquelle: © iStock.com/ simongurney)

Gespräch

Eswar Ramireddy / Indien

Heimische Esskultur bedeutet für den indischen Pflanzenforscher Eswar Ramireddy vor allem Vielfalt. Doch mit dem Fortschritt der industrialisierten Landwirtschaft und dem Erfolg weltmarktfähiger Kulturen geraten viele traditionelle Nutzpflanzen in Vergessenheit.

„Wenn du in Deutschland leben willst, musst du üben, Fleisch zu essen.“ Das war der Rat, den man Eswar Ramireddy in seinem Heimatland Indien gab, als er sich vor über neun Jahren darauf vorbereitete, in Deutschland zu promovieren. Eswar ist Hindu, eigentlich Vegetarier, nur seit er in Deutschland lebt, isst er ab und zu Geflügel.

Doch eigentlich sind Pflanzen ganz und gar sein Ding; das wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Seine Familie besitzt ein kleines Stück Land auf dem Kurkuma, Mais und Sonnenblumen angebaut werden, die Familie seiner Frau betreibt eine Teakholz-Plantage. Eswar kommt aus Nellore, einer Stadt in Südindien mit einer halben Million Einwohner. Nellore liegt im Bundesstaat Andhra Pradesh, nur wenige Kilometer entfernt vom Golf von Bengalen.

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Fast die Hälfte der Fläche des Bundesstaates Andra Pradesh wird für die Landwirtschaft genutzt. Sie stellt die Haupteinkommensquelle der Bevölkerung dar.

Fast die Hälfte der Fläche des Bundesstaates Andra Pradesh wird für die Landwirtschaft genutzt. Sie stellt die Haupteinkommensquelle der Bevölkerung dar.

Bildquelle: © iStock.com/ dennisjim

Die Region um die Stadt Nellore ist bekannt für den Anbau von Zitronen, Reis und Tabak

Eswar hat Landwirtschaft studiert, weil es so breit gefächert ist und nah an gesellschaftsrelevanten Themen. Nach seinem Studienabschluss bekam er die Gelegenheit, an der Freien Universität Berlin, im Institut für Angewandte Pflanzengenetik zu promovieren. Heute arbeitet er dort als Wissenschaftler und forscht am Wurzelwerk von Gerste und Mais. Er versucht herauszufinden, ob seine Pflanzen, deren Wurzelsystem durch eine genetische Veränderung vergrößert ist, resistenter gegen Trockenheit sind und bessere Kornerträge bringen als andere Sorten.

Als Eswar nach Deutschland kam, lagen harte Zeiten vor ihm. Nicht nur das gute indische Essen fehlte ihm, sondern vor allem seine vielen Freunde und natürlich die Familie. Die ungewohnte Selbstständigkeit der ersten Jahre in Deutschland förderte eine für indische Männer ungewöhnliche Entwicklung: Eswar lernte kochen. Mit Hilfe von Blogs und YouTube-Videos schaffte er die aufwändige Zubereitung indischer Currys. „Wenn man im Labor den ganzen Tag winzige Mengen durchsichtiger Flüssigkeiten in Maschinen steckt, um anschließend irgendwelche abstrakten Werte zu messen, kann die Zubereitung eines bunten,
duftenden Essens sehr befriedigend sein“.

“Die Zubereitung eines bunten, duftenden Essens kann sehr befriedigend sein.“

Eines der größten Probleme war das Einkaufen der richtigen Zutaten. Viele indische Lebensmittel sind in Deutschland nicht erhältlich, besonders die Vielfalt an Gewürzen vermisst Eswar. Auch Gemüse und Früchte, die in Indien das ganze Jahr über verfügbar sind, fehlen in deutschen Supermärkten oder sind vergleichsweise teuer. „In Andrha Pradesh sind Blattgemüse sehr verbreitet. Wir kochen aber nicht nur mit Spinat und Mangold, sondern auch mit jungen Mango-, Tamarinden- und Senfblättern, Blättern von verschiedenen Amarantharten, von Hibiskus, Bockshornklee und vielen anderen Pflanzen“, sagt Eswar. Diese Vielfalt gibt es in Deutschland nicht oder nicht mehr.

Aber auch in Indien schwindet die Vielfalt an Lebensmitteln, für die die Blattgemüse ein Beispiel sind. Traditionelle Nutzpflanzen weichen den Cash Crops wie Reis, Chili oder Tabak, die beim Export hohe Erträge erzielen. In Eswars Augen ist der Verlust an Vielfalt dramatisch und eine der großen Herausforderungen der indischen Landwirtschaft. Die Menschen in Indien sollten ermutigt werden, vermehrt traditionelle Ackerfrüchte anzubauen. Der Anbau von Monokulturen schadet auf lange Sicht nicht nur der Umwelt, sondern bedeutet einen Verlust von Esskultur. Auch das traditionelle Wissen über die medizinische Nutzung von Wild- und Nahrungspflanzen geht verloren.

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Monokulturen ist eine Bodenbewirtschaftungsform, in der über Jahre hinweg nur eine Kulturpflanzenart angebaut wird. Sie stellt eine einseitige Belastung für die Umwelt dar und wirkt sich langfristig negativ aus.

Monokulturen ist eine Bodenbewirtschaftungsform, in der über Jahre hinweg nur eine Kulturpflanzenart angebaut wird. Sie stellt eine einseitige Belastung für die Umwelt dar und wirkt sich langfristig negativ aus.

Bildquelle: © iStock.com/ fbxx

Der Anbau von Monokulturen schadet nicht nur der Umwelt, sondern auch der Esskultur

Indien war einst berühmt für seine Diversitätsforschung. Heute ist davon nur noch wenig übrig. „Neben Molekularbiologie und Genetik müssten auch Fächer wie die klassische Botanik oder Zoologie gefördert und gelehrt werden“, fordert Eswar. Hier ein ausgeglichenes Verhältnis zu schaffen, darin sieht Eswar eine Herausforderung für die Bildungs- und Forschungslandschaft Indiens.Ein prominentes Beispiel für den Diversitätsverlusts ist Ragi, die Fingerhirse (Eleusine coracana). Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war diese Pflanze in Südindien Grundnahrungsmittel und wurde dann durch den Reisanbau ersetzt. Dabei besitzt die Hirse viele Vorteile. Sie ist reich an Mineralstoffen, wie Eisen und Kalzium, und so widerstandsfähig, dass sie dem Klimawandel und seinen Wetterextremen besser trotzen kann als Reis. Ein typisches Beispiel für die traditionelle Nutzung der Fingerhirse ist Ambali. Ambali kann getrunken oder als Brei verzehrt werden. Das Getränk ist reichhaltig und sättigend aber auch gut für die Gesundheit. Für die Zubereitung benötigt man Ragimalt, ein Mehl aus gerösteter Hirse.


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