TAB zur Welternährung

25.06.2010 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Welternährung als Herausforderung für die Menschheit. (Quelle: © iStockphoto.com/Joel Albrizio)
Welternährung als Herausforderung für die Menschheit. (Quelle: © iStockphoto.com/Joel Albrizio)

Welche Beiträge kann die Forschung zur Sicherung der Welternährung leisten? Dies war Thema einer Veranstaltung des TAB Mitte Juni in Berlin. TAB steht für das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Das TAB ist eine politikberatende Einrichtung und hilft, politische Entscheidungen in den Fraktionen vorzubereiten.

Das Thema der globalen Unter- und Mangelernährung ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Politiker und der Öffentlichkeit gerückt. Höhepunkt war sicherlich das Jahr 2008 mit Unruhen in weiten Teilen der Welt auf Grund explodierender Nahrungsmittepreise. Neben den Fragen zur Energiesicherheit oder dem Klimawandel ist die Welternährung ein zentrales Thema der Weltgemeinschaft. Ungefähr 1/5-tel der Weltbevölkerung gelten als mangelernährt. Das Millenniumziel, bis zum Jahr 2015 die Zahl der Hungernden um 50 % zu reduzieren, rückt momentan in weitere Ferne. Noch nie zuvor hungerten so viele Menschen wie heute, insgesamt einer Milliarde. Nach Hochrechnung der Vereinten Nationen wird sich durch das Bevölkerungswachstum bis zum Jahr 2050 der Bedarf an Nahrungsmitteln erneut verdoppeln. Damit nicht neue Flächen in Produktion genommen und dafür Ressourcen, wie Wälder und Weiden, vernichtet werden, ist die Steigerung der Produktion auf den vorhandenen Flächen eine wichtige Voraussetzung. Ob dies jedoch die einzige Möglichkeit ist, dieser Frage gingen die Teilnehmer des Forums nach. 

Mehr als 100 Vertreter aus Forschung, Wirtschaft, Verbänden und anderen NGO’s aber auch Journalisten und Politiker folgten der Einladung des TAB in das Jacob-Kaiser-Haus des Deutschen Bundestages. Im Vorfeld der Veranstaltung hatte das TAB zahlreiche Gutachten an externe Experten vergeben. Diese waren das Fundament von drei Diskussionsrunden und widmeten sich den Themenfeldern Produktion und Verbrauch, Steigerung der Produktion und Fragen der Transferproblematik sowie der Forschungspolitik. Vor allem sollten bisher vernachlässigte Ansatzpunkte für Forschung und Entwicklung aufgezeigt und zu einer Verstärkung der internationalen und interdisziplinären Kooperationen ermutigt werden. Grundtenor der Veranstaltung war, dass die Wissenschaft und Technik sowie verstärkt auch die Wirtschaft eine bedeutende Rolle bei der Lösung des Ernährungsproblems leisten müssen. Intelligente und flexiblere Rahmenbedingungen sind nötig, um notwendige, integrative Ansätze zu ermöglichen. Hier ist die Politik gefordert.

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Um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, sind verbesserte Produktionsverfahren oder mehr Anbauflächen nötig.

Um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, sind verbesserte Produktionsverfahren oder mehr Anbauflächen nötig.

Bildquelle: © iStockphot.com/Sascha Burkard

Produktion versus Verteilung – wo liegt das Hautproblem der Hungerbekämpfung?

Die Experten diskutierten darüber, ob das Welternährungsproblem primär noch ein Verteilungs- oder bereits ein Produktionsproblem geworden ist. Die Meinungen hierzu gingen auseinander. Einig waren sich die Experten jedoch in einem Punkt: derzeit gelingt es nicht, die verfügbare Nahrung verlustfrei an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen. Neben den Vorernteverlusten, also dem was durch schlechtes Management oder durch Schädlinge noch auf dem Feld vernichtet wird, sind es vor allem die Nachernteverluste, denen eine gesteigerte Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Damit wird bereits deutlich, dass sich neben der Produktionsseite auch die technischen oder kulturellen Aspekte beim Umgang mit Lebensmitteln und zwar bis zum Endkonsumenten hin verändern müssen. 

Das interdisziplinäre Forschungsfeld der Nachernteverlustreduzierung gilt es stärker als bisher zu beforschen. Insgesamt, so Schätzungen, gehen 25-50% der Ernte verloren. Gelänge es diese Verluste zu beseitigen, würden bereits heute 50% mehr Nahrung zur Verfügung stehen. Technische und logistische Lösungen für die Reduzierung der Nachernteverluste gibt es. Durch Armut wird deren Implementierung jedoch verhindert. Armutsbekämpfung ist also ein wichtiger Ansatz, um das Welternährungsproblem zu lösen. Allerdings wissen wir auch, dass in unseren technologisch gut ausgestatteten Regionen immer noch ein Großteil der Nahrungsmittel verdirbt. Neuere Studien aus Österreich oder den USA zeichnen ein sehr ernüchterndes Bild mit über 10 bzw. knapp 40% Verlusten. Um jedoch das Technologieproblem in den Entwicklungsländern zu lösen, ist die Schaffung von Marktzugängen eine wichtige Voraussetzung. Alle möglichen und nötigen Ansätze sind wissenschaftlich zu begleiten und zu unterstützen. Eine integrative Forschung mit vielfältigen Facetten gilt es zu entwickeln, so das Fazit der Experten.

Problem fehlender Investitionen 

Fatal wirken sich heute die in der Vergangenheit vernachlässigten Investitionen in die globale Landwirtschaftsforschung aus. Alleine die internationalen Forschungsinstitute weisen nach Schätzungen der Weltbank ein Investitionsdefizit von ca. 1 Mrd. US Dollar auf. Landwirtschaft und Ernährung galten über Jahrzehnte als gelöste Probleme. Nicht zuletzt lag dies an der Überproduktion in der westlichen Welt. Butterberge und Milchseen waren wenig geeignet, um zur Steigerung der Investitionen in die Landwirtschaft zu motivieren. Diese Produktionsüberschüsse sind, wenn überhaupt, heute höchstens noch von einer regionalen Couleur. Durch die zunehmende Nachfrage der Industrie nach nachwachsenden Rohstoffen auf dem Weg zu einer von fossilen Rohstoffen unabhängigen Wirtschaft, muss zukünftig mit weiteren Engpässen bei der Nähr- und Rohstoffbereitstellung gerechnet werden, so die Experten. Missernten und die bereits erwähnten Verluste vor und nach der Ente tragen ihren Teil dazu bei. 

Ebenfalls deutlich wurde, dass es den anwesenden Experten weniger um ideologisch motivierte Diskussionen zum Für und Wider einer bestimmten Produktionsmethode ging. Pragmatische und integrative Ansätze sind, so ein Studienergebnis, zeitgemäß und überfällig. Die Diskussionen der Vergangenheit haben die Agrarwirtschaft in vielen Regionen in eine regelrechte Sackgasse geführt. Teilweise konnten neue, intensive Bewirtschaftungsmethoden die über Generationen angepassten, regionalen Produktionssysteme in Punkto Stabilität und Vielfalt nicht adäquat ersetzen. Es darf auch nicht verkannt werden, dass es auch diese traditionellen Systeme sind, die zu vielen Millionen Hektar erodiertem Ackerland und damit verbundener Rodung neuer Flächen geführt haben. Systeme, die in der Vergangenheit stabil waren, sind dies durch den massiven Bevölkerungsdruck heute nicht mehr. Auch hier ist klar: es gibt weder Schwarz noch Weiß und diejenigen, die einfache Lösungen versprechen, verkennen oftmals die regionalen Bedingungen. Die Veränderung der tradierten Systeme muss langfristig begleitet werden. Nur so können die Projekte und deren spätere nachhaltige Implementierung sichergestellt werden. Hier muss die Forschungspolitik umdenken. Projektlaufzeiten von drei Jahren sind gut für die Erarbeitung einer Doktorarbeit, aber nicht, um einen Wandel zu begleiten. 

Investitionen in Bildung als sicherer Weg

Ebenfalls angesprochen wurde das Problem der sich global ändernden Ernährungsgewohnheiten. Der wachsende Fleischkonsum in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist eine Ursache dafür, dass den Ärmsten dringend benötigte Kalorien fehlen. Pro Kilogramm Fleisch müssen je nach Tierart 7 bis 12 Kilogramm Getreide verfüttert werden. Massiver Handlungsbedarf hin zu einer gesünderen und ausgeglichenen Ernährung besteht aber auch in Europa. Wenn es um Grenzen von Ernährungsbildung und dem sich daraus ableitenden Verhalten geht, sind die Europäer keine leuchtenden Beispiele. Denn wir wissen mehr, als wir im täglichen Leben umsetzen. 

Die Experten waren sich einig, dass der Trend zu mehr gesellschaftlichem Wohlstand durch eine Entwicklung zu stärker prozesszierten, d.h. weiterverarbeiteten, Lebensmitteln begleitet werden wird. Deren Marktwertigkeit steht jedoch in keinem direkten Zusammenhang mit dem ernährungsphysiologischen Wert. Mit anderen Worten: was modern und teuer ist, ist nicht unbedingt auch gesund und gut. Prinzipiell ist eine globale Bildungsinitiative ein Schlüssel, um Armut und damit auch Hunger einzudämmen. Nicht nur die sich daraus ergebenden verbesserten Chancen für eine qualifiziertere und damit besser bezahlte Tätigkeit, sondern auch Geburtenkontrolle, Hygiene und die Integration von angepassten Technologien gehen mit Bildung einher. Die These, dass Investitionen in Bildung, vor allem die Bildung von Frauen, einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Welternährungsproblems leisten können, wurde von den meisten Anwesenden unterstützt. 

Es wurde aber auch darauf verwiesen, dass das Wachstum der Weltbevölkerung nicht ausschließlich negativ gesehen werden darf. Dieses Wachstum erhöht das kreative Potential durch die Anzahl der Köpfe und die Produktivität durch die Anzahl der Hände. Die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern wird auch heute noch von Handarbeit dominiert. 

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Immer mehr Menschen wandern aus ländlichen Gebieten in Megacitys - ein Problem auch für die Nahrungsmittelversorgung.

Immer mehr Menschen wandern aus ländlichen Gebieten in Megacitys - ein Problem auch für die Nahrungsmittelversorgung.

Bildquelle: © Uli Carthäuser / pixelio.de

Megatrend Urbanisierung geht weiter

Der Trend zur Landflucht wird auch zukünftig anhalten. So werden 2025 knapp 2/3 der Weltbevölkerung (67%) in Städten leben. Viele davon in sogenannten Megastädten und Metropolregionen mit vielen Millionen Einwohnern. Oftmals sind es die landlosen Bevölkerungsschichten, die in die Städte abwandern. Städte versprechen bessere Lebensbedingungen, mehr Chancen und Hoffnungen. 

Die Megacities mit Nahrung zu versorgen, ist eine politische, logistische und auch eine technologische Herausforderung. Trendiger Ansatz, um lokal die Versorgung der urbanen Bevölkerung mit Nahrung zu unterstützen, sind z.B. vertikale Gewächshäuser. Diese zu konstruieren, zu bauen und zu betreiben, so einer der anwesenden Berichterstatter, ist eine hochgradig interdisziplinäre Herausforderung. Diese als „sky oder vertical farming“ bzw. „Gewächshaus 3.0“ bezeichneten Konzepte integrieren viele Fachdisziplinen. Ziel ist es, in einem quasi geschlossenen Energie- und Nährstoffsystem Pflanzen-, Tier- aber auch Fischhaltung auf engstem Raum zu betreiben. 

Sehr deutlich wurde bei der TAB Veranstaltung, dass die klassische Produktionssteigerung ein wichtiger Weg zur Ernährungssicherung ist. Sie muss jedoch durch andere Konzepte und Ideen flankiert werden, um erfolgreich zu sein. Es nützt nicht mehr zu produzieren, wenn die Lebensmittel verderben oder die Bodenfruchtbarkeit nicht dauerhaft erhalten werden kann. Wissenschaft und Forschung werden einen wichtigen Beitrag leisten und müssen politisch wie auch kulturell, z.B. durch die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten, flankiert werden. 

So komplex die Faktoren sind, welche Einfluss auf die Ernährungssituation haben, so vielfältig und komplex sind auch die Lösungsansätze. Dabei müssen grundlegende gesellschaftliche und rechtliche Fragen ebenso beachtet werden wie Aspekte der Geschlechtergerechtigkeit, der Wirtschaftsstruktur, der Organisation von Produktion, der Produzenten, regionale und klimatische Aspekte aber auch Aspekte einer Beratung und des Transfers. Kurz gesagt: eine partnerschaftliche und hochgradig inter- bzw. transdisziplinäre Forschung ist notwendig. 

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