Koexistenz

Gentechnisch veränderter Raps in Kanada: Zehn Jahre Anbau - eine Bilanz

Gentechnisch veränderter Raps wird in Europa bislang nicht angebaut. Anders in Kanada, dem weltgrößten Rapsexporteur: Inzwischen entfallen knapp 90 Prozent der dortigen Rapserzeugung auf gentechnisch veränderte Pflanzen. Seit der ersten Zulassung 1995 sind deren Flächen stetig gestiegen. Ein verbessertes Unkrautmanagement, höhere Erträge und eingesparter Treibstoff waren für die Landwirte ausschlaggebend, auf die neuen gv-Sorten umzusteigen. Ein konventioneller oder ökologischer Rapsanbau „ohne Gentechnik“ ist nach Berichten von Landwirten und Umweltschutzorganisationen inzwischen in Kanada kaum mehr zu finden.

Während in Europa noch eine hitzige Debatte zur Koexistenzfähigkeit von gv-Pflanzen stattfindet, und insbesondere Raps die Koexistenzfähigkeit abgesprochen wird, haben sich die kanadischen Landwirte in den letzten Jahren mehrheitlich für den GVO-Rapsanbau entschieden. Laut Statistics Canada ist die Rapsproduktion seit der Einführung gentechnisch veränderter Sorten in 1996 von 4,5 Millionen Tonnen auf 9,1 Millionen Tonnen (2006) jährlich gestiegen. Das Canola Council of Canada will die Produktion bis 2015 auf 16 Millionen Tonnen steigern, wobei die Öl- und Biodieselproduktion in Nordamerika und Europa als wichtigste Absatzmärkte gelten.

Rapsanbau in Kanada: Starkes Wachstum. Gentechnisch veränderte Sorten haben sich fast flächendeckend durchgesetzt.

Anteil verschiedener Herbizidresistenz-Konzept bei Rapssorten in Kanada. Zuchtprogramme zur Herbizidtoleranz haben eine lange Historie. Bereits 1981 lange vor der Einführung gentechnisch veränderter Sorten waren konventionell gezüchtete Triazin-tolerante Canolasorten verfügbar. Aufgrund geringer Ertragsleistungen erlangten diese Sorten jedoch nie große Marktrelevanz und sind heute nicht mehr im Handel. Bromoxynil-toleranter Raps – ein weiterer konventionell gezüchteter herbizidtoleranter Raps – ist zwar heute noch im Sortenspektrum aufgeführt, hat aber keine relevante Marktbedeutung besessen.

Herbizidtoleranter Raps fast flächendeckend

Auf über 95 Prozent der kanadischen Rapsanbaufläche wächst derzeit herbizidtoleranter Raps. Neben Sorten, bei denen mit Hilfe der Gentechnik eine Resistenz gegenüber den Wirkstoffen Glyphosat (Markenname Roundup) bzw. Glufosinat (Markenname Liberty) übertragen wurde, wird auf ungefähr neun Prozent der Rapsanbaufläche konventionell gezüchteter herbizidtoleranter Raps angebaut. Dieser Clearfield-Raps ist gegenüber dem Wirkstoff Imidazolinon tolerant, einem breit wirksamen Herbizid. Nach anfänglichen Markterfolgen verlor die Clearfield-Technolgie in den letzten Jahren gegenüber dem gentechnisch veränderten RoundupReady-Raps bzw. Liberty Link-Raps stark an Bedeutung. Rapssorten ohne Herbizidtoleranz werden kaum noch nachgefragt. Der ökologische Rapsanbau, seit jeher von äußerst marginaler Bedeutung, besaß 2003 ungefähr 0,04 Prozent an der Rapsanbaufläche.

Wie eine Umfrage des Canola Council of Canada bei Landwirten ergab, ist ein vereinfachtes und zugleich wirksames Unkraut-Management das wichtigste Motiv für den Anbau von herbizidtolerantem gv-Raps. Das neue System erlaubt es den Landwirten, den Herbizid-Einsatz flexiblel auf das tatsächliche Unkrautvorkommen abzustimmen.

Maßgeblich unterstützt wurde die Marktdurchdringung mit herbizidtoleranten gv-Sorten durch die Kombination und damit parallele Einführung von leistungsstarken Hybridsorten. Die Erträge stiegen gegenüber konventionellen Sorten um bis zu zehn Prozent.

Koexistenz – ein Thema?

Anders als in Europa war die Frage der Koexistenzfähigkeit von gv-Raps in Kanada lange Zeit kein strittiges Thema. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich der Anbau herbizidtoleranter gv-Sorten zum Anbaustandard. Bei keiner anderen Kultur und in keiner anderen Region war die Marktdurchdringung derart erfolgreich.

In Kanada gibt es keine besonderen Kennzeichnungsvorschriften für Lebens- und Futtermittel, die GVO-Anteile enthalten. Die Ernte von gv- und nicht gv-Raps wird gemeinsam vermarktet. Es sind keine Mindestabstände zwischen Feldern mit gv- und konventionellem Raps vorgeschrieben.

Vorschriften bei der Saatgutproduktion verbessern

Erst als Einträge gentechnisch veränderter Körner in konventionellem Rapssaatgut gefunden wurden, setzte eine kritische Diskussionen ein, ob die bestehenden technischen Vorschriften ausreichend seien, um die Reinhaltung von konventionellem Saatgut zu gewährleisten.

In den letzten Jahren wurden in einzelnen Partien von zertifiziertem konventionellen Saatgut gentechnische „Verunreinigungen“ bis zu fünf Prozent nachgewiesen. Um die Saatgutreinheit von 99,75 Prozent bei zertifiziertem Saatgut weiterhin zu garantieren, sollen nun die Vorschriften überarbeitet werden. So wird vorgeschlagen, die Abstände bei der Saatgutproduktion zu benachbarten Rapsfeldern – derzeit hundert Meter - zu erhöhen. Laut Hugh Beckie, Forschungsleiter und Experte für das Anbaumanagement von Raps am kanadischen Landwirtschaftsministerium in Saskatoon im Bundestaat Saskatchewan, sind jedoch mögliche Verunreinigungen des konventionellen Rapssaatgutes über Samen von gv-Durchwuchsraps von weitaus größerer Bedeutung als Einkreuzungen über gv-Pollen. Eine Verlegung der Saatgutproduktion in die südwestlichen Provinzen Kanadas, weit entfernt von den Hauptproduktionsgebieten für Raps, ist deshalb ebenfalls in der Diskussion.

Ökologisch wirtschaftende Landwirte klagen

Eine Gruppe ökologisch wirtschaftender Landwirte aus Saskatchewan hatte 2002 gegen den Anbau von gv-Raps geklagt und damit die Aufmerksamkeit auf die Haftungsfragen bei GVO-Verunreinigungen von konventionellen Ernteprodukten gelenkt. Aus Sicht von Arnold Taylor, dem Präsidenten der Canadian Organic Growers Vereinigung, ist die Koexistenz von gentechnisch verändertem und konventionellem Raps in Kanada gescheitert. Landwirte hätten inzwischen keine andere Wahl, als den gesamten Raps als gentechnisch verändert zu vermarkten. Nach einem jahrelangen gerichtlichen Streit entschied im Frühjahr 2007 der Oberste Gerichtshof in Kanada, die Klage auf den Ausgleich wirtschaftlicher Verluste durch GVO-Verunreinigungen nicht zuzulassen. Die Haftungsfrage bleibt damit für die ökologisch wirtschaftenden Landwirte ungelöst.

Entwarnung: Bisher keine Probleme mit "herbizidtolerantem Durchwuchsraps"

Durchwuchsraps tritt als bedeutendes Unkraut in Feldern und in größeren Vorkommen an Feldrändern auf. Mit zunehmendem Anbau von gv-Raps wurde befürchtet, dass sich „Superunkräuter“ entwickeln könnten: Unkrautraps mit mehreren Herbizidresistenzen, der mit herkömmlichen Bekämpfungsstrategien nicht mehr zu kontrollieren sei. Doch bis heute hat sich herbizidtoleranter Durchwuchsraps nicht zu einem größeren ackerbaulichen Problem entwickelt. In Umfragen aus den Jahren 2000 und 2005 gaben drei Viertel der Landwirte, die herbizidresistenten Raps anbauten, an, dass die Kontrolle von Durchwuchs bei gentechnisch verändertem Raps kein größeres Problem darstellt als bei konventionellem Raps. Weder sei es erforderlich, mehr Spritzmittel einzusetzen, noch entstünden höhere Kosten. Überlicherweise wird in der Fruchtfolge nach Raps Getreide angebaut. Mit den dort eingesetzten Herbiziden lässt sich herbizidtoleranter Durchwuchsraps gut kontrollieren.

Als gentechnisch veränderter Raps in Kanada eingeführt wurde, gab es noch keine begleitenden Programme, um die Ausbreitung von resistentem Durchwuchsraps vorsorglich zu vermeiden. Seit 2004 erfordert jedoch jede Neuzulassung einen so genannten Stewardship-Plan, der solche Aspekte berücksichtigen muss. Auch für bereits vor 2004 zugelassenen gv-Raps wurden in den letzten Jahren auf freiwilliger Basis entsprechende Stewardship-Pläne entwickelt. Ein vorausschauendes Management zur Verminderung von mehrfach-herbizidtolerantem Durchwuchsraps wird dabei als vorrangig angesehen. Eine angepasste Erntetechnik wie Bodenbearbeitung nach der Ernte, geeignete Fruchtfolgen, Anbau von zertifiziertem Saatgut und möglichst kein gleichzeitiges Nebeneinander von Sorten mit verschiedenen Herbizidtoleranzen wurden als wichtige vorbeugende Maßnahmen eingeführt.

Neue herbizidresistente Unkräuter – eine Frage der Zeit?

Bislang wurden in Kanada keine Unkrautarten gefunden, die gegen das Herbizid Glufosinat oder Glyphosat resistent sind. Der spezielle Wirkungsmechanismus von Glufosinat lässt eine Resistenzbildung als sehr unwahrscheinlich erscheinen. Trotz langjähriger und intensiver Anwendung sind weltweit noch keine resistenten Unkräuter aufgetreten. Anders als beim Herbizidwirkstoff Glyphosat: Im Jahr 2000 traten in gv-Soja die ersten Glyphosat-resistenten Unkräuter auf. Mittlerweile wird von weiteren herbizidresistenten Unkrautarten in intensiven gv-Mais- und gv-Sojafruchtfolgen berichtet. Wenn ein und dieselbe Kulturart in Folge angebaut wird, ist es eine Frage der Zeit, bis Unkräuter unempfindlich werden gegenüber den verwendeten Herbiziden.

Der kanadische gv-Sommerraps erfordert dagegen eine abwechselnde Getreide-Raps-Fruchtfolge, die einen Wirkstoffwechsel in der Unkrautbekämpfung ermöglicht. Der geringere Selektionsdruck als in gv-Mais- oder gv-Sojafruchtfolgen wird als ein wichtiger Grund angesehen, warum hier bisher noch keine resistenten Unkräuter gegenüber dem Wirkstoff Glyphosat aufgetreten sind.