BioÖkonomieRat setzt seine Prioritäten

20.06.2011 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

v.l.: Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl, Christian Patermann und StS. Georg Schütte (Quelle: © BioÖkonomieRat).

v.l.: Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl, Christian Patermann und StS. Georg Schütte (Quelle: © BioÖkonomieRat).

Ob die Energiewende oder der Aufbau der BioÖkonomie die größere gesellschaftliche Herausforderung darstellt, bleibt offen. Wahrscheinlicher ist, dass beide Fragen eng mit einander verwoben sind. Das Eine kann nicht ohne das Andere gelingen. Die Prioritäten für eine BioÖkonomie-Forschung wurden vom BioÖkonomieRat in Brüssel vorgestellt.

Seit einigen Jahren geistert der Begriff einer BioÖkonomie durch die europäische und die deutsche Forschungs- und Entwicklungslandschaft. Selbst in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung fand die Wortkombination aus “ Bio“ und „Ökonomie“ Eingang. Dahinter steckt nichts weniger als der Umbau der Wirtschaft in eine „Grüne Industrie“: Eine Gesellschaft, die weitestgehend nicht mehr auf fossile Rohstoffe und Energien setzt. Jedoch nicht in dem auf Lebensstandard verzichtet wird, sondern in dem das kreative Potenzial der Menschen eingesetzt wird, sollen neue Möglichkeiten erschlossen werden. Experten sind sich einig, dass auch in Zukunft Kohlenstoff die Basis der Wirtschaft bleibt. Der Weg weg vom Öl führt zur Biomasse. Diese kann von Ackerpflanzen, Holz, Algen oder aus einer konsequenten Reststoffverwertung stammen. Begriffe wie Kaskaden- oder Kreislaufwirtschaft tauchen in diesem Zusammenhang auf. Deutschland kommt beim Aufbau einer BioÖkonomie eine Vorreiterrolle zu. Als erstes Land verabschiedete die Bundesregierung Ende 2010 die Nationale Forschungsstrategie „BioÖkonomie 2030“. Die Bundesregierung unterstützt diese Strategie mit 2,4 Milliarden Euro. 

Nach dem Ausgangsgutachten folgen jetzt Prioritäten

Einer der wichtigsten Impulsgeber im Prozess des Aufbaus einer BioÖkonomie in Deutschland ist der BioÖkonomieRat (BÖR). Angesiedelt bei der acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, nahm dieser vor knapp drei Jahren seine Arbeit auf. Im September 2010 übergab der Rat sein Ausgangsgutachten der Bundesregierung. Jetzt ergänzt er dieses Gutachten um eine Prioritätenliste für die BioÖkonomie-Forschung. Bei der Vorstellung des Papiers in Brüssel machte der Vorsitzende des BÖR, Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl, deutlich, dass mit der weiteren Strukturierung und Fokussierung in Deutschland eine der innovativsten Forschungslandschaften weltweit entstehen wird. In diese  Landschaft werden die Grundlagenforschung wie auch die Entwicklung von neuen Produkten und innovativen Prozessen gleichermaßen eingegliedert. 

Der BÖR empfiehlt eine Konzentration der Forschung auf vier Felder: 

  • die Entwicklung von effizienten Wertschöpfungsketten,  
  • die Verstärkung der Forschung zur Sicherung der Welternährung, 
  • die nachhaltigere Nutzung natürlicher Ressourcen sowie 
  • die Schaffung der Rahmenbedingungen zum Aufbau einer Grünen Wirtschaft.
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Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl, Vorsitzender des BioÖkonomieRats, stellt in Brüssel die Prioritätenliste zur Bioökonomie-Forschung vor (Quelle: © BioÖkonomieRat).

Prof. Dr. Reinhard F. Hüttl, Vorsitzender des BioÖkonomieRats, stellt in Brüssel die Prioritätenliste zur Bioökonomie-Forschung vor (Quelle: © BioÖkonomieRat).

In diesen vier Brennpunkten werden neben konkreten Forschungsfragen auch Dringlichkeiten und die notwendigen finanziellen Mittel adressiert. Auch mögliche Partnerschaften zwischen Forschung und Wirtschaft und ein Zeitrahmen, in dem die Aufgaben zu realisieren sind, fanden Eingang in die Analyse. Forschungsfragen mit höchster Priorität sind laut dem BÖR: 

  • die Züchtung von Nutzpflanzen und Nutztieren auf höhere Erträge und Leistungen,
  • die Entwicklung effizienter Technologien und innovativer Verfahren zur Reduzierung von Nachernte-Verlusten auf dem Weg vom Feld bzw. Stall bis zum Endverbraucher,
  • die Entwicklung von Innovationen in der Biomasse basierten Energieproduktion, Energieumwandlung und Energiespeicherung ohne in Konkurrenz mit der Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln zu treten und 
  • die verstärkte Forschung zu Fragen der Bodenqualität, der Bodennutzung sowie der Ökosystemdienstleistungen mit dem Ziel, die Ressource Boden nachhaltiger zu nutzen.  

Bei den komplexen Fragen zu den Bodenaspekten sollen laut BÖR verstärkt Fragen des ökologischen Landbaus in die Betrachtungen integriert werden. Bei den Rahmenbedingungen werden vor allem strukturelle Maßnahmen für eine erweiterte Netzwerkbildung und die Etablierung von Kompetenzzentren empfohlen. 

Hüttl betonte auch, dass die „Renaissance der biologischen und agronomischen Forschung nur gelingen wird, wenn diese strikt die Kriterien einer nachhaltigen Entwicklung integrieren“. Dabei erweitert der BÖR den Nachhaltigkeitsbegriff um eine vierte Komponente: Neben Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie integriert er eine wissenschaftliche Dimension. Damit fließt erstmalig die Hebelwirkung, welche durch die Kreativität der Forschung ausgeht, in die Nachhaltigkeitsbewertung ein. Die Brisanz des Themas „Biomasse“ ist dem Rat bewusst. Aus diesem Grund werden neben den Naturwissenschaften die Akzeptanz- und Konsumentenforschung verstärkt integriert. Denn, so Hüttl weiter, „neuartige Nutzungskonzepte können ohne einen breiten gesellschaftlichen Konsens nicht etabliert werden“.  

BioÖkonomie als Dach einer nachhaltigen Entwicklung

Mit der vorliegenden Schwerpunktsetzung können die Ziele der „Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“ der Bundesregierung realisiert werden. Im Moment überstürzen sich die Entwicklungen in Europa und Deutschland. In Deutschland begann vor einigen Tagen die Diskussion um eine neue Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung. Der Ausbau der erneuerbaren Energie ist in aller Munde und Industriezweige integrieren mehr und mehr Nachhaltigkeitskonzepte und Berechnungen in ihre Strategien. In Brüssel erhält die EU-Strategie für die biobasierte Wirtschaft ihren letzten Schliff. Die EU-Strategie „Europa 2020“ setzt einen Schwerpunkt auf die Nachhaltigkeit einer prosperierenden „Grüne Wirtschaft“ in Europa.  

Viele dieser Strategien und Visionen gehen von der gleichen Rohstoffbasis, der Biomasse, aus. Entscheidend wird somit sein, wie diese Konzepte miteinander verzahnt und aufeinander abgestimmt werden. Nach den Worten von Staatssekretär Georg Schütte ist Deutschland eines der ersten Länder, das überhaupt über eine Forschungsstrategie zur BioÖkonomie verfügt. Bei der Vorstellung der Ergebnisse des BioÖkonomieRats in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Brüssel sagte er: "Die Bundesregierung sieht nicht nur die immense wirtschaftliche Bedeutung der Bioökonomie. Sie sieht auch die Verantwortung der Industriestaaten, eine nachhaltige Bioökonomie aufzubauen, die globale Interessenkonflikte um die Ressource Biomasse abbaut und die Industrieinteressen mit der Sicherung der Welternährung in Einklang bringt. Dazu brauchen wir eine exzellent aufgestellte Forschung - die wir mit den nötigen Mitteln unterstützen werden."

Christian Patermann, ständiger Gast im Rat und Berater für die wissensbasierte BioÖkonomie in Nordrhein-Westfalen, betonte die Bedeutung der Integration von komplexen Wertschöpfungsketten. Es bedarf, so Patermann, „vor allem ungewohnter und deutlich erweiterter Allianzen, um das Konzept der BioÖkonomie mit Leben zu erfüllen“. Allianzen, die z.B. einen Landmaschinenhersteller mit der Kosmetikindustrie kombinieren oder einen Lebensmittelproduzenten mit einem Energieversorger. Zudem muss es gelingen, „diverse Forschungsdisziplinen zur Zusammenarbeit zu motivieren und eine Vielfalt von Branchen und Unternehmen zu integrieren“, so Patermann weiter.

Die BioÖkonomie kann das Dach für eine nachhaltige Entwicklung sein. Unter diesem Dach lassen sich andere Visionen und Konzepte zu einem Gesamtbild integrieren. Entscheidend für das Gelingen wird es sein, uns, die Verbraucher, in diesen Prozess zu integrieren - den Verbraucher mitzunehmen und ernst zu nehmen. 


Weiterführende Informationen: 

  • Das vollständige Papier „Prioritäten in der Bioökonomie-Forschung“ finden sie hier.
  • Das Gutachten „Innovation Bioökonomie 2010“ hier.
  • Sämtliche Veröffentlichungen des BÖR finden Sie hier.

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