Treibhausgas-Hotspots

Einige Soja-Anbauregionen in Brasilien setzen überdurchschnittlich viele Treibhausgase frei

16.06.2020 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Rodungen für den Sojaanbau in Brasilien: Der Verlust von tropischem Regenwald verschlechtert die Ökobilanz von Soja enorm. (Bildquelle: © iStock.com / Brasil2)

Rodungen für den Sojaanbau in Brasilien: Der Verlust von tropischem Regenwald verschlechtert die Ökobilanz von Soja enorm. (Bildquelle: © iStock.com / Brasil2)

Die Klimaschädlichkeit des Anbaus von Soja variiert in Brasilien von Region zu Region stark, stellten Forscher fest. Insbesondere lange Transportwege sowie Rodungen ruinieren die Ökobilanz. Ein Blick auf die einzelnen Produktionswege kann die Nachhaltigkeit beim Anbau verbessern.

Soja (Glycine max) ist eine der weltweit am meisten gehandelten Feldfrüchte. Hauptproduzenten sind Brasilien und die USA, ein Hauptimporteur ist die EU. Bei uns wird Soja hauptsächlich in der Tiermast verwendet. Allerdings hat der Sojaanbau wegen seiner Treibhausgasemissionen nicht gerade einen guten Ruf. Insbesondere in Brasilien roden Grundbesitzer für den Anbau zusätzliche Flächen Regenwald, um die globale Nachfrage zu decken. Um dem entgegenzuwirken, müssten Sojaimporteure wie die Europäische Union auf möglichst nachhaltig produziertes Soja zurückgreifen. Allerdings ist es nicht so einfach, die nachhaltigsten lokalen Produktionswege innerhalb des Landes zu identifizieren.

In einer neuen Studie hat nun ein Team des Institutes für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik (ILR) und des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn zusammen mit Forscherinnen und Forschern aus Schweden, Belgien und Spanien eine Methode entwickelt, mit der die Treibhausgasfreisetzungen einzelner Produktionsketten in Brasilien auf lokaler Ebene berechnet werden können.

Genauere räumliche Auflösung nötig

Um die Nachhaltigkeit eines landwirtschaftlichen Produktes zu bewerten, gibt es verschiedene Möglichkeiten wie die Ökobilanz (Life Cycle Assessment, LCA). Sie soll die zu erwartenden Umweltschäden abschätzen, die durch Produktion, Weiterverarbeitung, Nutzung und eventuelle Entsorgung entstehen. Oft werden für solche Analysen allerdings nur auf nationaler Ebene gewonnene Daten genutzt, so dass die Umweltauswirkungen auf lokaler Ebene nicht erkennbar sind. Denn insbesondere Landnutzungsänderungen wie Rodungen sowie weite Transportwege machen die Sojaproduktion in einigen Landesteilen deutlich weniger nachhaltig als in anderen.

Um diese Unterschiede besser identifizieren zu können, berechneten die Forscher die mit der Sojaproduktion assoziierten Treibhausgasfreisetzungen durch Rodungen, Entwässerungen, Düngung, Wasserverbrauch, Transport und Weiterverarbeitung und kombinierten sie für eine größere räumliche Auflösung mit einem neuentwickelten Modell (Spatially-Explicit Information on Production to Consumption Systems, SEI-PCS). Damit gelang es dem Forschungsteam, die Treibhausgasfreisetzungen für 90.000 Produktionsketten in ganz Brasilien im Zeitraum von 2010 bis 2015 detailliert zu berechnen.

Große Unterschiede in der Freisetzung von Treibhausgasen

Die ermittelten Treibhausgaswerte erlauben einen direkten Blick auf die Umweltbelastungen, die beim Anbau von Soja auf lokaler Ebene entstehen. Diese unterscheiden sich stark: Die Werte für die einzelnen Produktionswege lagen zwischen 0,13 t CO2-Äquivalente (CO2e) und 29,47 t CO2e je produzierter Tonne Soja. Zum Vergleich: Die Erzeugung einer Tonne Soja setzt, über ganz Brasilien gemittelt, 0,69 t CO2e frei.

Die größten Emissionen traten in der sogenannten MATOPIBA-Region auf (umfasst die Staaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia im Nordwesten Brasiliens). Hier gibt es noch breite Landstriche mit natürlicher Vegetation, vor allem Regenwald und Savannen, die aber in letzter Zeit verstärkt in Ackerland umgewandelt werden. Zudem sind die Transportwege aus diesen Regionen sehr lang und es kommen aufgrund der schwachen Infrastruktur hauptsächlich LKW als Transportmittel zum Einsatz.

EU mit der schlechtesten Bilanz

Die Forscher untersuchten auch die Treibhausgasbilanzen in Bezug auf den Import von Soja. Während China der größte Soja-Importeur ist, hat die EU die höchste Treibhausgasfreisetzung pro importierter Tonne Soja (0,77 t CO2e je Tonne für die EU, 0,67 t CO2e je Tonne für China).

Der Grund dafür liegt in der Herkunft der Sojabohnen. Während China hauptsächlich Soja aus südlichen Regionen Brasiliens importiert, in denen großflächige Rodungen für den Sojaanbau schon länger zurück liegen, bezieht die EU dagegen hauptsächlich Soja aus den Regionen im Norden Brasiliens, da sie geografisch günstiger zu Europa liegen. Aber gerade diese sind in jüngster Zeit besonders von Rodungen betroffen. Über 50 Prozent der Treibhausgasfreisetzungen des EU-Importsojas stammen daher aus Landnutzungsänderungen, nur 34 Prozent bei den chinesischen Importen.

Bessere Grundlage für die Entscheidungsfindung

Hätte die EU den Großteil des importierten Soja aus dem Süden Brasiliens (Staaten Paraná und Rio Grande do Sul) bezogen, hätte sie mehr als 60 Prozent der Treibhausgasemissionen einsparen können. Die Forscher betonen daher, wie wichtig ein genauerer Blick auf die lokalen Gegebenheiten sei, um effektiv Klimaschutz zu betreiben.

Mit der neuen Berechnungsmethode könnten zudem Anbau und Lieferketten nachhaltiger gestaltet und eine klimaschonendere Produktion erreicht werden. Das Berechnungsmodell kann auch auf andere landwirtschaftliche Produkte angewendet werden. Politiker und die Wirtschaft hätten damit eine effektive Entscheidungshilfe an der Hand.