Agrarsystem mit Zukunft?

Erste Meta-Analyse zur Low-Input-Landwirtschaft erschienen

03.05.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Im Low-Input-Weizenanbau werden laut Meta-Analyse bis zu 70% weniger synthetische Pestizide eingesetzt. (Bildquelle: © CSIRO/ CC BY 3.0)
Im Low-Input-Weizenanbau werden laut Meta-Analyse bis zu 70% weniger synthetische Pestizide eingesetzt. (Bildquelle: © CSIRO/ CC BY 3.0)

Kennzeichen der Low-Input-Landwirtschaft (Integrierte Landwirtschaft) ist die Reduktion des Einsatzes von Betriebsmitteln und Ressourcen im Allgemeinen, von Pestiziden und Dünger im Speziellen. Doch welche Folgen hat dies für die Erträge? Am Beispiel von Mais (Zea mays) und Weichweizen (Triticum aestivum) haben Forscher in einer Meta-Analyse mehrere Low-Input-Systeme in Europa, USA und Kanada untersucht und die Erträge mit denen der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Low-Input-Landwirtschaft einen vielversprechenden Pfad darstellt, den es jedoch noch weiter zu erschließen gilt.

Die Diskussion um die „richtige“ Landwirtschaft polarisiert wie nie zuvor. An vorderster Front stehen sich Befürworter und Gegner der intensiven (konventionellen) bzw. ökologischen Landwirtschaft gegenüber. Besonders konfliktträchtig ist die Frage nach den Prioritäten: Was hat Vorrang? Die Ernährungssicherung einer rasant wachsenden Weltbevölkerung zu jedem Preis oder die Erhaltung der natürlichen Grundlage der Produktion? Problematisch ist dabei keineswegs fehlendes Problembewusstsein, sondern die festgefahrene Diskussion. Zum richtigen Zeitpunkt erscheint daher die Studie eines internationalen Teams von Agronomen, die sich mit dem in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannten Mittelweg befasst haben, obwohl dieser bei weitem nicht neu ist. Die Rede ist der Low-Input-Landwirtschaft.

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Vielen Kritikern der konventionellen und intensiven Landwirtschaft ist der hohe Aufwand an synthetischen Pestiziden ein Dorn im Auge.

Vielen Kritikern der konventionellen und intensiven Landwirtschaft ist der hohe Aufwand an synthetischen Pestiziden ein Dorn im Auge.

Quelle: © Erich Westendarp/ pixelio.de

Führt der Mittelweg ans Ziel?

Vor dem Hintergrund der konventionellen Landwirtschaft und dem Ökolandbau handele es sich bei der Low-Input-Landwirtschaft um eine „intermediäre“ Variante, erklären die Forscher. Im Kern ginge es darum, mit den heute zur Verfügung stehenden Betriebsmitteln und Ressourcen besser zu haushalten, deren Einsatz durch ein optimiertes, standortangepasstes Farmmanagement zu reduzieren und Mensch und Umwelt so zu schonen. Vom Ökolandbau unterscheidet sie z. B., dass der Einsatz synthetischer Pestizide und Dünger prinzipiell erlaubt ist. Im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft, dass deren Einsatz aber größtmöglich zu reduzieren ist.

15 Langzeitstudien im Überblick

Wer möchte, kann darin den Versuch sehen, die Ziele des Ökolandbaus mit den Methoden der konventionellen Landwirtschaft ein Stück weit in Einklang zu bringen. Zwar stimmen lokale Pilotprojekte (sowohl im Pflanzenbau als auch in der Viehhaltung) positiv, jedoch ist völlig unklar, wie sich die Low-Input-Landwirtschaft im globalen Maßstab schlägt. Die nun vorgestellte Studie stellt den ersten Annährungsversuch dar. Es handelt sich um eine internationale Meta-Analyse von 15 Langzeitstudien aus den letzten 20 Jahren zum Anbau von Mais (Zea mays) und Weichweizen (Triticum aestivum) in Europa, USA und Kanada.

Basierend auf den Zahlen zur Aufwandmenge an synthetischen Stickstoffdünger und Pestiziden ordneten die Forscher die insgesamt 17 Anbauregionen zunächst einer Landwirtschaftsform zu (konventionell, Low-Input oder ökologisch), um deren Erträge im nächsten Schritt zu vergleichen.

Im Ertrag auf Augenhöhe

Besonders vielversprechende Ergebnisse liefere der Low-Input Ansatz vor allem bei Mais, erklärt Erstautorin Lauire Hossard: „Was die durchschnittlichen Maiserträge (Ertrag pro Hektar) betrifft, stehen konventionelle und Low-Input-Landwirtschaft auf Augenhöhe. Und das, obwohl sie durchschnittlich mit 50 % weniger Pestiziden und 36 % weniger Dünger auskommt. Was die Erträge betrifft, hinkt der Ökolandbau mit 24 % deutlich hinterher.“

70 % weniger Pestizide

Auch in Bezug auf Weich- bzw. Brotweizen stimmen die Daten grundsätzlich positiv. Auch wenn die Erträge aus konventioneller und Low-Input-Landwirtschaft nicht auf demselben Niveau liegen wie bei Mais: „Die Daten zeigen, dass die Weichweizenerträge in der Low-Input Landwirtschaft durchschnittlich um 12 % niedriger sind als in der konventionellen Landwirtschaft. Dafür sind jedoch Pestizideinsparungen von bis zu 70 % möglich, bei der Aufwandmenge von Stickstoffdünger immerhin noch rund 28 %. Besonders hoch ist hier jedoch der Abstand zum Ökolandbau, der durchschnittlich 43 % weniger Erträge liefert.“

Ein gangbarer Weg

Für Hossard und ihre Kollegen ist der Low-Input Ansatz eine durchaus interessante Alternative. Sowohl zur konventionellen als auch zur ökologischen Landwirtschaft. „Im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft überzeugen Low-Input-Strategien allein aufgrund ihres signifikant geringeren Einsatzes von synthetischen Pestiziden und Dünger. Verglichen damit geben die Erträge relativ gering nach. Zwar wird im Ökolandbau hingegen vollständig auf synthetische Mittel verzichtet, dafür sind die Ertragsverluste viel größer.“

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Das Mottenweibchen der australischen Cataclysta Camptozonale ist ein Beispiel für die rein biologische Unkrautbekämpfung. Sie wird eingesetzt, um Weinreben vor Kletterfarnen (Lygodium) zu schützen. 

Das Mottenweibchen der australischen Cataclysta Camptozonale ist ein Beispiel für die rein biologische Unkrautbekämpfung. Sie wird eingesetzt, um Weinreben vor Kletterfarnen (Lygodium) zu schützen. 

Quelle: © Christine A. Benett / wikimedia.org/ CC0

Das Risiko eines technologischen Lock-Ins

Trotz der Vorteile vermeidet es Hossard jedoch, von der Ultima Ratio zu sprechen. Der Grund liegt weniger in der fehlenden Datenlage für eine globale Einschätzung der Lage, als in der langfristigen Perspektive. „Es besteht das Risiko eines technologischen und ökonomischen Lock-Ins“, erklärt Hossard und meint die Gefahr, dass ein einseitiges Bekenntnis zur Low-Input-Landwirtschaft in die Sackgasse führen könnte, wenn dadurch die Suche nach wirklich neuen Ansätzen zum Erliegen käme. Weniger synthetische Pestizide in der Landwirtschaft einzusetzen sei das eine, echte Alternativen zu finden etwas anderes. Alternativen, die unter anderem von der Pflanzenforschung und –züchtung dahingehend erarbeitet werden, Pflanzen effizienter im Umgang mit den vorhandenen und zugeführten Nährstoffen und Ressourcen zu machen oder neue Anbaustrategien zu entwickeln.

Ökonomische Hürden

Auch was die Attraktivität für die Landwirte betrifft, die bis auf sehr wenige Ausnahmen (8%, Stand 2012/2013) konventionell landwirtschaften, hat Hossard Bedenken: „Auch wenn die Ertragsausfälle nur wenige Prozentpunkte betragen, können die Einkommensverluste durch die Einsparungen keineswegs kompensiert werden. Erschwerend kommt hinzu, dass Low-Input-Produkte keine höheren Marktpreise erzielen, wie z.B. Obst, Gemüse und Getreide aus ökologischem Anbau.“ Es fehle die passende Premium-Strategie, ergänzt sie. Der Markt honoriere die Leistung der Low-Input-Landwirtschaft noch nicht. Das ökonomische Potenzial der Low-Input-Landwirtschaft werde erst dann steigen, wenn externe Betriebsmittel teurer werden, Steuern oder Abgaben deren Einsatz zusätzlich verteuern, die Kosten für Betriebsmittel steigen oder sich die Produktionsqualität, die nicht gleichzusetzen ist mit der Produktqualität, rentiert.

Frischer Wind in der Diskussion

Nichtsdestotrotz plädieren die Forscher dafür, der Low-Input-Landwirtschaft künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken als bisher bzw. sie wieder ins Bewusstsein zu rufen. Allein zur Begriffsklärung. Agronomen, die sich mit der Low-Input-Landwirtschaft beschäftigen, stehen vor dem Problem, mit einem unscharfen und weit gefassten Begriff zu hantieren, wodurch die Beschäftigung mit dem Thema nebst Urteilsfindung erschwert wird. Trotzdem möchten Hossard und ihre Kollegen als nächstes den globalen Vergleich wagen. Sie möchten herausfinden, ob sich ihre Ergebnisse für Nordamerika und Europa auf den Rest der Welt übertragen lassen.

Die nun bereits vorliegenden Ergebnisse legen jedoch nahe, dass es schon bald nicht mehr nur um das Für und Wider gehen könnte, sondern um die Frage, wo über den Einsatz von Low-Input-Strategien konkret nachgedacht werden kann, sprich in welchen Regionen und Standorten und im Zusammenhang mit welchen Nutzpflanzen. Damit dürfte der Begriff für den lang ersehnten frischen Wind in der aufgeheizten Diskussion sorgen.

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