Naturmedizin mit Pferdefuß

Gefährdete Heilkräuter

23.05.2016 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Laut Schätzungen werden weltweit 50.000 bis 70.000 Pflanzen für medizinische Zwecke genutzt. (Bildquelle: © Alexander Raths / Fotolia.com)
Laut Schätzungen werden weltweit 50.000 bis 70.000 Pflanzen für medizinische Zwecke genutzt. (Bildquelle: © Alexander Raths / Fotolia.com)

Bei Schnupfen und Heiserkeit ein Medikament aus dem Wald, dem guten Gewissen sich selbst und der Umwelt zuliebe? So einfach ist es nicht. Ausgerechnet der wohlmeinende Rückgriff auf pflanzliche Arzneimittel gefährdet vielerorts den Artenbestand.

Aufgegossen als Tee, getrocknet als Pulver, angereichert als Tinktur oder auch als Bestandteil von Salben: Gegen vieles ist ein Kraut gewachsen, und so greift die Naturheilkunde in aller Welt zur Behandlung gesundheitlicher Leiden auf Pflanzen zurück. In den Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist Kräutermedizin besonders verbreitet und häufig ohne Alternativen, doch die Nachfrage nach natürlichen Mitteln wächst auch in unseren Breitengeraden. Gerade die natürliche Pflanzenmedizin hat allerdings einen ökologischen Pferdefuß, denn die zunehmende Kaufbereitschaft in aller Welt gefährdet den Bestand etlicher Arten.

Anbau kann Druck von Wildbeständen nehmen

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Hilft gegen Stress und unterstützt die Immunabwehr: Ginseng. Er wird mittlerweile auch kultiviert, natürlich kommt er in asiatischen Laubwäldern vor.

Hilft gegen Stress und unterstützt die Immunabwehr: Ginseng. Er wird mittlerweile auch kultiviert, natürlich kommt er in asiatischen Laubwäldern vor.

Quelle: © Shizhao / wikimedia.org; CC BY-SA 2.0

50.000 bis 70.000 Pflanzen werden weltweit für medizinische Zwecke genutzt, so die Schätzung des Bundesamts für Naturschutz. Dazu zählen altbekannte Hausmittel wie Salbei und Schlüsselblume ebenso wie die exotischen Wurzeln Ginseng und Teufelskralle. Weil der größte Teil dieser Pflanzen aber nun nicht kultiviert, sondern wild gesammelt wird, ist ihr Bestand oftmals bedroht: Das ist laut Bundesamt bei schätzungsweise 15.000 Arten der Fall. Das Überleben jeder vierten Heilpflanze steht also auf dem Spiel.

Manchmal ist der Anbau der Ausweg für dieses Problem. So etwa beim einjährigen Beifuß, mit dessen Hilfe sich die Infektionskrankheit Malaria bekämpfen lässt. Hier nahm die Kultivierung den Druck von den Wildbeständen, wie es in einem aktuellen Beitrag des Fachmagazins „Nature Plants“ heißt. Ähnliches ließ sich demnach auch bei der Afrikanischen Pflaume beobachten, die gerne bei gutartigen Prostatavergrößerungen verabreicht wird.

Kultivierung nicht immer die Lösung

Der Anbau ist dennoch nicht generell die Lösung. Denn was bei Kamille oder Johanneskraut funktioniert, ist bei Ginseng oder der Süßholzwurzel oft keine Option. Hier gilt es, nach der Aussaat bis zu sechs Jahre auf die Ernte zu warten, was für Landwirte kaum Anreize setzt. Dazu kommt, dass Erfahrungswerte zum Kultivieren von Wildpflanzen spärlich sind. Und dort, wo das Land knapp ist, hat der Anbau von Nahrungsmitteln oftmals Priorität.

Daneben gibt es einen weiteren triftigen Grund, der vielerorts gegen die Kultivierung spricht: In einigen Staaten ist das Sammeln von Wildpflanzen gerade für arme Menschen eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, während vom Anbau vor allem die Großgrundbesitzer profitieren.

Wildsammlung als einzige Einnahmequelle

Für Buschmann-Völker im subsaharianischen Afrika beispielsweise ist der Verkauf der Wurzel der Teufelskralle oft die einzige Einnahmequelle. Als Tee aufgebrüht, wirkt die Wurzel entzündungshemmend, fiebersenkend und schmerzstillend, wofür man sie inzwischen auch in anderen Weltgegenden schätzt. Vor allem in Deutschland, das hierbei größter Abnehmer ist.

Aber so einträglich das wilde Sammeln der Wurzel für die Menschen vor Ort auch sein mag, geht es doch mit Risiken für die Pflanze einher. Das Vorkommen der Teufelskralle ist rückläufig, wenngleich das genaue Ausmaß des Schwunds nicht bekannt ist. Für den Rückgang wird unsachgemäßes Sammeln verantwortlich gemacht. Werden nur die seitlichen Knollen zurückgeschnitten, wächst die Pflanze weiter. Doch wird die Hauptknolle geerntet, kommt das dem Ende der Pflanze gleich. Dieses Beispiel soll illustrieren, wie neben Klimawandel und Landrodung auch die übermäßige Nutzung von Pflanzen und mangelndes Wissen den Fortbestand einer Art bedrohen kann.

Zertifikat für nachhaltiges Sammeln

Um die Pflanzen zu schützen, wurde vor einigen Jahren das Gütesiegel „FairWild“ eingeführt, das speziell auf Pflanzen aus Wildbestand zugeschnitten ist – für Pflanzen aus Kulturen ist es nicht zu haben. Seit 2009 kennzeichnet es Produkte. Es garantiert nicht nur faire Herstellungsbedingungen wie eine angemessene Bezahlung der Beschäftigten und den Verzicht auf Kinderarbeit, sondern auch eine schonende und nachhaltige Ernte, sodass sich die Pflanze wieder regenerieren kann. Vor allem in Kräutertees sind der Stiftung zufolge zertifizierte Bestandteile enthalten, darunter Holunderblüten aus Polen, Bibhitaki-Früchte aus Indien und Süßholzwurzel aus Kasachstan.

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Weltweit sind Pflanzen für medizinische Zwecke beliebt. Doch das wilde Sammeln von Pflanzen kann vielerorts den Artbestand gefährden.

Weltweit sind Pflanzen für medizinische Zwecke beliebt. Doch das wilde Sammeln von Pflanzen kann vielerorts den Artbestand gefährden.

Quelle: © nilanewsom / Fotolia.com

Das Zertifikat zu erhalten, erfordert allerdings einige Anstrengungen seitens der Produzenten, und die zertifizierten Inhaltsstoffe haben ihrerseits ihren Preis. Bislang machen die Heilkräuter mit einem Siegel nur einen Bruchteil des weltweiten Handelsvolumens der Medizinpflanzen aus. Und etliche Gewächse, unter ihnen die Teufelskralle, gibt es in der zertifizierten Variante bislang nicht.

Bedeutung des Artenschutzes

Die Artenvielfalt zu erhalten, ist für die medizinische Versorgung der Menschen in aller Welt von Bedeutung. In vielen Weltgegenden steht traditionelles Heilwissen im Zentrum der medizinischen Versorgung. So haben in Afrika 80 Prozent der Bevölkerung vor allem Zugang zur Naturmedizin, in China machen Kräuterarzneien rund die Hälfte aller Medikamente aus. Das geht aus Unterlagen der Weltgesundheitsorganisation WHO hervor. Auch in Deutschland sind pflanzliche Mittel populär: 90 Prozent der Menschen verfügen über Erfahrung mit Mitteln aus der Natur.

Neben der Naturheilkunde greift auch die Pharmaindustrie auf pflanzliche Wirkstoffe zurück – indem sie sie verwendet oder imitiert. Artemisinin zum Beispiel, das wirksamste Mittel gegen Malaria, wird aus dem Einjährigen Beifuß extrahiert. In China setzt man zur Behandlung schon seit zweitausend Jahren Blüten und Blätter der Pflanze ein. Inzwischen lässt sich der Wirkstoff auch synthetisch herstellen, was vergleichsweise kostengünstig und ressourcenschonend ist.

Jedoch konnte die Industrie den Wirkstoff nur entwickeln, weil es ein natürliches Vorbild gibt. Ein Glück also, dass die Pflanze nicht ausgestorben ist. Sorgen wir dafür, dass auch die nach uns folgenden Generationen noch Glück haben.

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