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Der Klimawandel wird beim Schutz der Biodiversität kaum berücksichtigt

10.02.2021 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Moore und andere Feuchtgebiete sowie naturnahe Wälder speichern enorme Mengen CO2 und dienen gleichzeitig der Erhaltung vieler seltener Arten. (Bildquelle: © Herbert Aust / Pixabay / CC0)

Moore und andere Feuchtgebiete sowie naturnahe Wälder speichern enorme Mengen CO2 und dienen gleichzeitig der Erhaltung vieler seltener Arten. (Bildquelle: © Herbert Aust / Pixabay / CC0)

Ohne Klimaschutz sind alle Anstrengungen zur Erhaltung der Biodiversität kaum wirksam. Dabei könnten sich sogar gegenseitige Vorteile ergeben.

Klimawandel und Schutz der Biodiversität sind wohl die größten Herausforderungen der heutigen Zeit. Trotzdem gibt es kaum gemeinsame Anstrengungen, um sie zu bewältigen. In einer internationalen Studie unter Leitung des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) haben ForscherInnen jetzt die Bedeutung des Klimaschutzes für den Erhalt der Biodiversität untersucht. In einer zweiten Studie wurde der Rückgang der Pflanzenarten in Deutschland dokumentiert.

CBD und SDGs

Für den Erhalt der Biodiversität wurde im Jahr 2010 die sogenannten „Aichi-Ziele“ auf der 10. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (10th Conference of the Parties to the Convention of Biological Diversity, COP 10 CBD) im japanischen Nagoya beschlossen. Diese Ziele stehen im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen der UN (Sustainable Development Goals, SDGs) und sollten bis Ende des Jahres 2020 umgesetzt werden. Allerdings wurde keines dieser Ziele vollständig erreicht. Im Mai 2021 soll es in China daher eine Nachfolgevereinbarung geben.

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Auwälder gehören zu den stark gefährdeten Ökosystemen mit wichtigen Funktionen für den Menschen: Hochwasserschutz und Grundwasserneubildung. Auch sie werden vom Klimawandel bedroht.

Auwälder gehören zu den stark gefährdeten Ökosystemen mit wichtigen Funktionen für den Menschen: Hochwasserschutz und Grundwasserneubildung. Auch sie werden vom Klimawandel bedroht.

Bildquelle: © Albrecht Fietz / Pixabay / CC0

Planen ohne Klimawandel

Allerdings wird der Klimawandel sowohl bei den Aichi-Zielen als auch in den Vorverhandlungen für das neue Abkommen nur am Rande erwähnt. Dabei verschlimmert er schon jetzt Habitatverluste und -zerstückelungen in 18 Prozent der terrestrischen Ökoregionen, in denen mehr als 50 Prozent der Landwirbeltiere leben.

Selbst bei einem globalen mittleren Temperaturanstieg von „nur“ 1,5 Grad könnten 70 bis 90 Prozent der tropischen Korallenriffe bis 2050 schwer geschädigt oder abgestorben sein – mit massiven Auswirkungen auf die Fischbestände. Der Temperaturanstieg verschiebt die Klimazonen in Richtung der Pole bzw. in größere Höhen. Die sich vergleichsweise schnell verändernden Temperaturen könnten dabei viele Pflanzen- und Tierarten „überholen“, ehe sie sich anpassen können.

Das wiederum führt zu einer Homogenisierung des Artenspektrums: Wenige anpassungsfähige Generalisten werden überleben, stärker spezialisierte Arten werden über kurz oder lang aussterben. Deren Verschwinden bedroht wiederum die Existenzgrundlage anderer Arten. Dadurch kommt es zu einem massiven Verlust an Arten und damit an genetischen Ressourcen. Viele Ökosysteme werden zwangsläufig einbrechen.

Wertvolle Ökosystem-Dienstleistungen in Gefahr

Das wirkt sich wiederum negativ auf die Ökosystem-Dienstleistungen aus, von denen wir alle abhängig sind. Eine Berechnung für das Jahr 2011 ergab einen Wert von nahezu 125 Billionen US-Dollar pro Jahr für die Ökosystem-Dienstleistungen von terrestrischen, marinen und Süßwasser-Ökosystemen. Dazu gehören beispielsweise sauberes Wasser und Bestäubung. Mit geringeren Ökosystemleistungen ergeben sich massive Auswirkungen auf sozioökonomische Strukturen, auf Ernährung und Gesundheit.

Bemühungen zur Begrenzung des Klimawandels verschärfen oftmals die Biodiversitätskrise noch. Um möglichst viel CO2 zu binden, werden Waldflächen mit schnell wachsenden Baumarten aufgeforstet. Grünland und Feuchtgebiete werden für den Anbau von Energiepflanzen umgebrochen bzw. trockengelegt. Im Hinblick auf eine auch in der Zukunft steigende Nachfrage an Lebensmitteln wird der ohnehin schon harte Konkurrenzkampf um Land noch verstärkt und damit auch der Druck auf die Schutzgebiete.

Auch Deutschland betroffen

Wie stark die Biodiversität in Deutschland zurückgegangen ist, zeigt eine weitere Studie. In der bisher umfassendsten Auswertung zum Vorkommen von Gefäßpflanzen unter der Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig wurden die Vorkommen von 2 136 der rund 4 300 Pflanzenarten in Deutschland untersucht.

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Die „Acker-Begleitflora“ ist nach neuesten Untersuchungen in Deutschland stark gefährdet.

Die „Acker-Begleitflora“ ist nach neuesten Untersuchungen in Deutschland stark gefährdet.

Bildquelle: © lizzymay / Pixabay / CC0

Das Ergebnis: Bei 71 Prozent der Arten konnte in den letzten 60 Jahren ein Rückgang von durchschnittlich 15 Prozent beobachtet werden. Besonders betroffen waren die sogenannten Archäophyten, also Pflanzenarten, die bereits vor 1492 nach Deutschland gelangt sind. Unter ihnen sind viele Arten der sogenannten Acker-Begleitflora wie die Kornrade (Agrostemma githago), aber auch heimische Arten wie der Große Klappertopf (Rhinanthus angustifolius).

Die Forscher betonen, dass mittlerweile die Mehrzahl der Arten von einem schleichenden Rückgang betroffen ist. Der drohende Artenverlust könne zu gravierenden Auswirkungen auf die Ökosysteme führen, das gegenwärtige Insektensterbens mache dies bereits deutlich.

Eine „gemeinsame Suppe kochen“

Daher sei es unverständlich, warum der Klimawandel immer noch nicht im Zentrum der Bemühungen zum Biodiversitätsschutz stehe. Dabei gibt es nützliche Synergien, wenn beides zusammen angegangen würde: Die Einrichtung von Schutzgebieten kann maßgeblich zur Abschwächung des Klimawandels beitragen. Insbesondere Moore und andere Feuchtgebiete sowie naturnahe Wälder speichern enorme Mengen CO2 und dienen gleichzeitig der Erhaltung vieler seltener Arten. Gleichzeitig hilft eine konsequente Senkung des weltweiten CO2-Ausstoßes, solche Schutzgebiete zu erhalten.

Nur eine umfassende Vorgehensweise kann weiter helfen, betonen die Forscher. Denn selbst wenn die neu gefassten Ziele bis 2030 erfüllt werden, könnten sie kurze Zeit später durch den Klimawandel wieder hinfällig werden. Um das zu verhindern, müssen die einzelnen politischen Abkommen zu Klima- und Biodiversitätsschutz besser auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse aufeinander abgestimmt werden.


Quellen:

  • Arneth, A. et al. (2020): Post-2020 biodiversity targets need to embrace climate change. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), Vol. 117, No. 49, (08. Dezember 2020), doi: 10.1073/pnas.2009584117.
  • Eichenberg, D. et al. (2020): Widespread decline in plant diversity across six decades. In: Global Change Biology, (16. Dezember 2020), doi: 10.1111/gcb.15447.

Zum Weiterlesen:

Titelbild: Moore und andere Feuchtgebiete sowie naturnahe Wälder speichern enorme Mengen CO2 und dienen gleichzeitig der Erhaltung vieler seltener Arten. (Bildquelle: © Herbert Aust / Pixabay / CC0)