Folgen des Artensterbens

Artenverlust bedroht Wissensschätze

28.05.2019 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Für ihre Studie befragten sie 57 indigene Gemeinschaften in Südamerika zu ihrem Wissen über Palmen - meist ist dies nirgends schriftlich festgehalten. (Bildequelle: © Rosina Kaiser/Pixabay/CC0)
Für ihre Studie befragten sie 57 indigene Gemeinschaften in Südamerika zu ihrem Wissen über Palmen - meist ist dies nirgends schriftlich festgehalten. (Bildequelle: © Rosina Kaiser/Pixabay/CC0)

Alle Welt redet vom Artensterben und Artenschutz. Aber auch das Wissen indigener Kulturen um die Anwendung von Pflanzen ist massiv bedroht. Projekte zum Erhalt der Biodiversität müssen beides mit einschließen, um einen langfristigen Erfolg zu sichern.

Pflanzen und Menschen haben sich seit Jahrtausenden zusammen entwickelt. Umso bedrohlicher ist es, dass der aktuelle IPBES-Bericht vor dem Aussterben von etwa einer Million Tier- und Pflanzenarten warnt. Denn mit dem Verlust der Pflanzenarten nimmt auch das Wissen um die traditionelle Anwendung heimischer Pflanzen ab. Bisher gibt es nur wenige Daten über die Zusammenhänge von aktuellem Artensterben und dem Schwund an traditionellem Wissen. In einer neuen Studie hat ein internationales Forschungsteam daher die Verbindungen zwischen biologischem und kulturellem Verlust untersucht.

Das aktuelle Artensterben und der Verlust von traditionellem Wissen

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Jede Gemeinschaft kannte im Schnitt ca. 18 Palmenarten und 36 verschiedene Verwendungsmöglichkeiten: So werden beispielsweise Blätter zu Hängematten gewoben, Stämme als Böden verlegt oder die Früchte gegessen - ein Beispiel ist die hier abgebildeten Kohlpalme (Euterpe oleracea), deren Früchte man in Deutschland als Açai-Beere kennt.

Jede Gemeinschaft kannte im Schnitt ca. 18 Palmenarten und 36 verschiedene Verwendungsmöglichkeiten: So werden beispielsweise Blätter zu Hängematten gewoben, Stämme als Böden verlegt oder die Früchte gegessen - ein Beispiel ist die hier abgebildeten Kohlpalme (Euterpe oleracea), deren Früchte man in Deutschland als Açai-Beere kennt.

Quelle: © iStock.com/moacirbmn

Aktuell sind etwa 1,75 Millionen Arten bekannt, davon etwa 500.000 Pflanzenarten. Allerdings geht man davon aus, dass es sich nur um einen kleinen Teil der tatsächlich existierenden Arten handelt. Wie viele Arten durch das aktuelle Artensterben  verschwinden, ist daher schwer zu beziffern.

Ihr Verlust ist nicht nur dramatisch, weil sie unwiderruflich von der Erde verschwinden, er bedroht auch den Erhalt und die Funktion von Ökosystemen und damit die Menschheit. Dazu kommt, dass möglicherweise auch Pflanzenarten verschwinden, die einen direkten Nutzen für die Menschen haben könnten, zum Beispiel als Heilmittel bei schweren Krankheiten, ohne dass man je von ihrer Existenz wusste.

Wissen bewahren

Eine wichtige Bedeutung kommt daher einheimischen Bevölkerungsgruppen zu. Sie besitzen einen großen Schatz an Wissen über lokale und regionale Pflanzenarten und ihre Anwendung. Doch leider schwindet dieses Wissen durch die Zerstörung der Existenzgrundlage für die Menschen, durch Abwanderung, Entfremdung von der Kultur und durch das Aussterben traditioneller Pflanzenarten.

Um einen Einblick in die Verteilung dieses „Pflanzenwissens“ zu erhalten, befragten die Forscher Menschen aus 57 verschiedenen einheimischen Bevölkerungsgruppen aus Bolivien, Ecuador, Kolumbien und Peru. Sie alle sind beheimatet in den Anden, im Amazonasbecken oder in der Region Chocó an der Westküste Kolumbiens. Schwerpunkt der Interviews war das Wissen zur Nutzung der dort vorkommenden Palmenarten als Medizin, Lebensmittel und zu spirituellen Zwecken. Interviewt wurden immer eine Person mit Expertenwissen und eine mit allgemeinem Wissen über Pflanzen.

Schutz von beidem ist wichtig

Die Wissenschaftler fanden dabei heraus, dass der Verlust einzelner Pflanzenarten zu einem Verlust von traditionellem Wissen geführt hat und umgekehrt. Fand beides zeitgleich statt, beschleunigte sich dieser Prozess noch.

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„Normalerweise liegt der Fokus eher auf dem Aussterben von Pflanzenarten. Aber das unersetzliche Wissen, das nach und nach aus indigenen Gemeinschaften verschwindet, ist genauso wichtig für den Dienst, den ein Ökosystem leistet“, betont Studienautor Jordi Bascompte.

„Normalerweise liegt der Fokus eher auf dem Aussterben von Pflanzenarten. Aber das unersetzliche Wissen, das nach und nach aus indigenen Gemeinschaften verschwindet, ist genauso wichtig für den Dienst, den ein Ökosystem leistet“, betont Studienautor Jordi Bascompte.

Quelle: © iStock.com/Laszlo Mates

Die Wissensverteilung zwischen den einzelnen Gruppen war oft nicht gleich, auch wenn es sich um dieselbe Pflanzenart handelte. Einige Gemeinschaften verfügten zudem über ein profunderes Wissen als andere. Gruppen, die gleiches oder ähnliches Wissen über die Anwendung derselben Arten besaßen, waren oft benachbart.

Trotzdem gab es gelegentlich auch ähnliches Wissen über die Anwendung derselben Pflanzenart bei Gruppen, die räumlich weiter auseinander lagen. Sprachliche Unterschiede hatten ebenfalls Auswirkungen auf den Umfang des Wissens: Gruppen mit ähnlicher Sprache besaßen häufig auch ein ähnliches Wissen über Pflanzen. Hier zeigt sich die Wichtigkeit des Erhaltens indigener Sprachen, um traditionelles Wissen auch in späteren Generationen noch verstehen und anwenden zu können.

Für spätere Generationen

Trotz aller lokalen und regionalen Unterschiede und Gemeinsamkeiten hatte jede Gruppe ihren ganz eigenen Wissensschatz. Die Daten zeigen, dass das kulturelle Erbe einer Gemeinschaft und der Erhalt ihrer Sprache für die gesamte Menschheit ebenso wichtig sind wie der Erhalt von Pflanzenarten. Denn nur dann können spätere Generationen von diesem Erfahrungsschatz profitieren.

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