Totgesagte leben länger

Forscher testen längst vergessene Nutzpflanzen im Anbau

06.02.2020 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Zweig des Aufrechten Knöterichs (Polygonum erectum) im Vordergrund. (Bildquelle: © Mason Brock/wikimedia.org/CC0)
Zweig des Aufrechten Knöterichs (Polygonum erectum) im Vordergrund. (Bildquelle: © Mason Brock/wikimedia.org/CC0)

Der Name „Lost Crops“ steht für Nutzpflanzen, die früher einmal angebaut wurden, im Laufe der Geschichte aber in Vergessenheit geraten sind. Dabei haben Sie einst Tausende Menschen ernährt. Forscher haben nun versucht, den Anbau zu rekonstruieren.

Berlandiers Gänsefuß und der aufrechte Knöterich. Was wie der Titel einer Märchengeschichte klingt, sind die Namen zweier Pflanzenarten – Chenopodium berlandieri bzw. Polygonum erectum. Einst sind sie als Nahrungspflanzen angebaut worden, heute aber von unseren Äckern verschwunden. Sie gehören daher zu den sogenannten „lost crops“, den Vergessenen unter den Nutzpflanzen. Weder schriftliche noch mündliche Überlieferungen gibt es über sie, einzig und allein archäologische Funde zeugen von ihrer Existenz.

Im Tandem besser

Beide Pflanzen wurden in Nordamerika über Jahrtausende angebaut, bis sie im Zuge der europäischen Kolonisierung durch andere Nutzpflanzen wie Mais (Zea mays) verdrängt wurden. In einem einjährigen Feldversuch haben Forscher nun herausgefunden, dass das Gänsefuß- und das Knöterichgewächs traditionellen Maissorten ertragsmäßig unterlegen waren, dafür aber mit Quinoa und Buchweizen auch heute noch mithalten könnten.

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Video: Learning from Lost Crops (in Englisch). (Quelle: Washington University/youtube.com)

Vorausgesetzt sie werden als Mischkultur und nicht als Monokultur angebaut. Dann erzielte das Gänsefußgewächs deutlich höhere Erträge, die die leicht sinkenden Erträge des Knöterichs in der Mischkultur überkompensierten. Woran dies genau liegt, ist noch zu klären.

Mischkultur schlägt Monokultur

Dass Landwirte früher mehrere Nutzpflanzenarten gleichzeitig angebaut haben, gilt als sicher. Das Ergebnis könnte darauf hindeuten, dass sie diese Anbauform zur Ertragsoptimierung gezielt nutzten. Die in den Feldversuchen gesammelten Daten deuten darauf hin, dass rein rechnerisch allein mit den beiden untersuchten Pflanzenarten einst Tausende Menschen ernährt worden sind.

„Der Hauptgrund, warum wir uns die Erträge angeschaut haben“, erklärt Natalie Müller, „ist, dass Archäologen sich uneins sind, warum diese Pflanzen von der Bildfläche verschwunden sind. Es wird häufig gesagt, dass es daran lag, dass neue Kulturpflanzen wie Mais ertragreicher waren. Doch es gibt kaum Daten darüber, wie groß die Erträge der traditionellen Kulturpflanzen überhaupt waren.“

Wenn Wissen Mangelware ist

Neben der Ernte haben die Forscher auch den Arbeitsaufwand dokumentiert: Von der Vorbereitung des Ackers bis zur Lagerung der Ernte. Die Forscher mussten dabei bei null beginnen, wie Müller erklärt: „Es gibt in Amerika zwar viele Leute, die sich für Heil- und Wildpflanzen interessieren. Darunter Ethnobotaniker, aber auch ganz normale Menschen. Sie verfügen über wertvolles Wissen. Aber bei den „Lost Crops“ hingegen sieht es leider ganz anders aus.“

Dass es vielleicht doch Communities gebe, die über Wissen über die Verwendung und den Anbau verfügen, mag Müller nicht ausschließen, jedoch sind sie und ihre Kollegen nicht fündig geworden. „Soweit ich es beurteilen kann, gibt es momentan niemanden, den man dazu fragen könnte“, fasst Müller zusammen.

Die Vergangenheit verstehen

Wer ihre Studie liest, bekommt den Eindruck, die Forscher wären auf zwei völlig unbekannte Pflanzenarten gestoßen. Dabei versorgten sie die indigenen Völker Amerikas über Jahrtausende mit Nahrung. Forscher und Forscherinnen wie Müller verfolgen deshalb das Ziel, mehr über diese einstigen Kulturpflanzen zu erfahren: Über die Evolution und Domestikation, den Anbau und die Verarbeitung, aber auch ihre frühere Rolle im Ökosystem. „Wir schauen dabei nicht nur auf die Pflanze“, erläutert Müller, „sondern auch auf das Drumherum, z. B. wie sie bestäubt wurden. Wir wollen möglichst umfassend verstehen und rekonstruieren, welche Pflanzen unsere Vorfahren wie und warum angebaut haben.“ Vielleicht kann dieses Wissen - so die Motivation der Forscher - auch genutzt werden, unsere Anbausysteme wieder vielfältiger zu gestalten oder alte und nachhaltige Anbaumethoden wiederzubeleben.

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