Wahre Fundgrube: Fossilien offenbaren Pflanzenvielfalt vor 50 Millionen Jahren

31.07.2012 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Unbekannte haarige Frucht mit Resten von hellem Milchsaft. (Quelle: © Senckenberg)
Unbekannte haarige Frucht mit Resten von hellem Milchsaft. (Quelle: © Senckenberg)

Vor 50 Millionen Jahren war sie ein artenreicher tropischer Regenwald um einen See. Heute zählt die Ölschiefergrube Messel zu den bedeutendsten Fundstellen für pflanzliche Fossilien. Wissenschaftler haben nun versteinerte Samen und Früchte aus Messel analysiert und dabei bisher unbekannte Pflanzengattungen entdeckt.

Die Ölschiefer- und Fossil-Lagerstätte Grube Messel nahe Darmstadt zählt zu den artenreichsten Fundstellen für die Pflanzenwelt des Paläogens, des Zeitalters vor 65 bis 23 Millionen Jahren. Dies bestätigt eine aktuelle Analyse fossiler Samen und Früchte aus den Sammlungen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und des Hessischen Landesmuseums. Ein internationales Forscherteam hat dazu erstmals die rund 30.000 fossilen Pflanzenfunde - Samen, Früchte, Blätter, Blüten und Pollenkörner - ausgewertet, die verschiedene Ausgrabungen in den vergangenen Jahrzehnten zutage gefördert hatten. Ihre Ergebnisse sind im aktuellen Band der "Abhandlungen der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung" veröffentlicht.

Ungeahnte Vielfalt

Insgesamt 140 verschiedene Pflanzengattungen konnten die Forscher anhand der Fossilien nachweisen. Darunter waren auch 65 Pflanzenformen (Morphotypen), die keiner bisher bekannten Pflanzenfamilie zugeordnet werden konnten. Einige Überreste stammten von Nadelhölzern, die Mehrzahl waren Blütenpflanzen. Die Funde zeigen Pflanzen aus 34 Blütenpflanzenfamilien, 10 dieser Familien wurden zum ersten Mal in Messel nachgewiesen. Drei Gattungen wurden sogar zum ersten Mal für das Paläogen beschrieben. 

Ebenso vielfältig wie die Pflanzen waren auch ihre Verbreitungsstrategien: Einige Gewächse produzierten Samen mit Flügeln oder kleinen Härchen, die durch den Wind leicht verteilt werden konnten. Andere Samen wuchsen in Schoten oder fleischigen Samenmänteln (Arillus) und wurden eher durch Tiere verbreitet. Wieder andere wuchsen in explodierenden Kapseln, die ihre Samen im weiten Umkreis verstreuten. 

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Frucht eines Mondsamengewächses - einer Familie, die heute bei vielen Lianen in den Tropen verbreitet ist.

Frucht eines Mondsamengewächses - einer Familie, die heute bei vielen Lianen in den Tropen verbreitet ist.

Quelle: © Senckenberg

Pflanzen als Nahrungsquelle

Die Funde lassen auch Rückschlüsse auf die Tierwelt vor 47 Millionen Jahren zu. Pflanzen waren eine wichtige Futterquelle für Insekten und Wirbeltiere. Dies zeigen Reste von Früchten und Samen, die im Verdauungstrakt von Vögeln und Säugetieren gefunden wurden, oder auch winzige Löcher in Samen, die vermutlich der Messeler Rüsselkäfer in die Samen bohrte. 

In der Grube Messel wurden bereits zahlreiche versteinerte Tiere entdeckt, darunter auch Rüsselkäfer, Urpferdchen, Krokodile, Vögel und Fledermäuse. 

Fossilien als Klimazeugen 

Die Fossilien der Grube Messel entstanden vor etwa 47 Millionen Jahren durch Ablagerungen auf dem Grund eines nach einem Vulkanausbruch entstandenen Maarkratersees. Die Forscher gehen davon aus, dass dieser See von einem artenreichen tropischen Regenwald mit verschiedenen Stockwerken umgeben war. Das damalige Klima war tropisch-warm und feucht mit leichten jahreszeitlichen Temperaturschwankungen. Darauf deuten die vielen Funde von Lianen hin, in Kombination mit tropischen Bäumen und Sumpfpflanzen, so die Forscher. Krautige Pflanzen seien hingegen in den Funden unterrepräsentiert.

Einige Pflanzengattungen aus Messel wurden auch an anderen Fossilienfundstellen aus der Zeit des Paläogens gefunden, zum Beispiel im London Clay in England und dem Clarno Nut Beds im US-amerikanischen Oregon. 

Unesco Weltnaturerbe

Wegen ihrer gut erhaltenen Fossilien wurde die Grube Messel 1995 zum UNESCO-Weltnaturerbe gekürt. Die biologische Vielfalt in der Grube deutet darauf hin, dass Messel eine der artenreichsten Regionen des Paläogens war. Die Fundstelle dokumentiert aber nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt eines tropischen Ökosystems. Sie bietet darüber hinaus einen einzigartigen Einblick in die europäische Klimageschichte und die Auswirkungen von Klimaänderungen auf die einheimische Flora und Fauna. Diese Erkenntnisse könnten helfen, die Auswirkungen des aktuellen Klimawandels besser abzuschätzen.

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