Wegweisender Artenschutz

Natura 2000: Vögel profitieren, Tagfalter nicht

22.06.2020 | von Redaktion Pflanzenforschung.de

Der Zwergbläuling (Cupido minimus) ist der kleinste Tagfalter Mitteleuropas und ein Spezialist für Offenlandschaften. Er profitiert nicht von den Natura 2000-Schutzgebieten. (Bildquelle: © Erk Dallmeyer)

Der Zwergbläuling (Cupido minimus) ist der kleinste Tagfalter Mitteleuropas und ein Spezialist für Offenlandschaften. Er profitiert nicht von den Natura 2000-Schutzgebieten. (Bildquelle: © Erk Dallmeyer)

Natura 2000-Gebiete sind ein effektives Mittel beim Vogelschutz. Auf der Strecke bleiben allerdings die Insekten, insbesondere die Tagfalter. Aber eine neue EU-Strategie soll Abhilfe schaffen.

Der Schutz der Biodiversität hat in der EU hohe Priorität. Neben der Einführung des Naturschutz-Netzwerks Natura 2000, das eigentlich bis 2010 den Artenverlust stoppen sollte, gibt es nun eine neue Biodiversitätsstrategie (EU 2030 Biodiversity Strategie), die den nach wie vor rasant steigenden Verlust von Arten und Lebensräumen bis 2030 aufhalten soll.

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig hat sich in einer neuen Studie mit dem Natura 2000-Netzwerk auseinander gesetzt und überprüft, welche Arten von den Schutzgebieten wirklich profitieren.

Natura 2000 und die FFH-Richtlinie

Das Netzwerk Natura 2000 existiert seit 1992 und verbindet europaweit Schutzgebiete, die nach den Maßgaben der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) und der Europäischen Vogelschutzrichtlinie eingerichtet wurden. 2013 waren 18 Prozent der Landesfläche und 8 Prozent der Meere nach der FFH-Richtlinie geschützt.

Für die Ausweisung eines Schutzgebietes müssen entweder bestimmte Lebensraumtypen (nach Anhang I der FFH-Richtlinie) oder Habitate von Arten von gemeinschaftlichem Interesse (nach Anhang II der FFH-Richtlinie) vorhanden sein. Ziel ist es, länderübergreifend den Verlust von Arten sowie von natürlichen Lebensräumen zu stoppen. Die EU schätzt nach einer Evaluierung („Fitness Check“ 2016) den finanziellen Wert des Natura 2000-Netzwerks auf 200 bis 300 Milliarden Euro jährlich.

Vögel und Schmetterlinge

Die Forscher sammelten Daten von 155 nicht in den Anhängen gelisteten Vogelarten auf 9.602 Flächen in der Zeit von 2001 bis 2011. Für die 104 nicht gelisteten Tagfalterarten wurden in der Zeit von 2001 bis 2012 auf 2001 Flächen Daten erfasst. Die Häufigkeiten der einzelnen Arten wurden zu den in der Umgebung der Untersuchungsfläche vorkommenden FFH-Gebieten in Beziehung gesetzt. So konnte festgestellt werden, ob nicht gelistete Arten auch von den Schutzgebieten profitieren.

Dabei entdeckten die Forscher, dass in Regionen mit einer erhöhten Dichte von FFH-Gebieten 47 Prozent der 155 untersuchten Vogelarten in ihrer Häufigkeit zunahmen, insbesondere höher spezialisierte Arten. Darunter waren 24 Waldvogelarten und fünf Arten der Feldmark. Von den 104 untersuchten Tagfalterarten nahmen hingegen nur 25 Prozent in ihrer Häufigkeit zu. Das deckt sich mit anderen Studien, wonach Insektenpopulationen allgemein in den letzten Jahren stark abgenommen haben.

Effektiver Vogelschutz

Die Forscher stellten fest, dass die Einrichtung von FFH-Gebieten ein effektives Mittel für den Vogelschutz ist. Besonders die Zunahme der Waldvogelarten zeigt, dass sie von den reicher strukturierten FFH-Gebieten profitieren.

Bei den Vogelarten des Offenlandes handelte es sich dagegen nicht um typische Arten landwirtschaftlich genutzter Flächen, sondern eher um Arten, die in einer abwechslungsreichen Landschaft vorkommen. Solche Gebiete umfassen neben Äckern auch kleinräumige Strukturen mit Feuchtgebieten und extensiv genutztes Grasland. Solche landschaftlichen Strukturen findet man heute ebenfalls am ehesten in FFH-Gebieten.

Tagfalter profitieren kaum

Bei den Tagfaltern konnte nur ein Viertel der untersuchten Arten von den FFH-Gebieten in der Umgebung profitieren. Die meisten von ihnen waren Generalisten, also Arten, die nicht auf ein oder wenige Habitate festgelegt sind. Lediglich zwei Arten sind auf offene Grasländer spezialisiert, weitere zwei Arten auf Waldlandschaften.

Die Forscher weisen darauf hin, dass insbesondere offene Graslandschaften als typische Habitate für Tagfalter und andere Insekten in zu geringem Maß unter Schutz stehen. Ein weiterer Grund ist laut der Forscher die fehlende Umsetzung einer „guten fachlichen Praxis“ auf Grasland, sowohl innerhalb als auch außerhalb von FFH-Gebieten. So vermindern eine zu frühe Mahd, zu häufiges Mähen, zu viel Dünger und eine intensive Beweidung die ökologische Wertigkeit dieser Gebiete. Hier liegen die Ursachen wiederum in einer unzulänglichen Förderung für umweltfreundliche Managementpraktiken.

Eine neue Strategie

Die Forscher empfehlen daher für die Verbesserung des Natura 2000-Netzwerks effektive Managementpläne, um auf Grasland die Artenvielfalt zu fördern. Zudem sollten weitere Arten in den Schutzmaßnahmen berücksichtigt werden, die die Bedürfnisse von Tagfalterarten der offenen Graslandschaften besser repräsentieren. Dazu empfehlen sie den Aufbau einer Datenbank mit Informationen über das Management der einzelnen Gebiete, um die Effektivität des Natura 2000-Netzwerks zu dokumentieren und für weitere Forschung zu nutzen.

Die Ziele stehen im Einklang mit der neuen Biodiversitätsstrategie der EU. Bis 2030 sollen 30 Prozent der Landesfläche und 30 Prozent der Meere unter Schutz stehen, davon jeweils 10 Prozent unter strengem Schutz. Dazu soll der ökologischem Landbau gefördert, der chemische Pflanzenschutz bis zu 50 Prozent reduziert und strukturreiche Landschaften gefördert werden. Für die Finanzierung dieser Maßnahmen sind 20 Milliarden Euro jährlich vorgesehen.

Das Hauptaugenmerk richtet sich hierbei auf eine zukunftsorientierte Landwirtschaft, die sowohl Artenschutz gewährleisten als auch langfristig die Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen kann. Um beide Ziele miteinander in Einklang zu bringen, müssen noch viele Fragen gelöst werden. Zukünftige Forschungsprojekte sollten beispielsweise klären, wie sich hohe Artenvielfalt und landwirtschaftliche Produktivität beeinflussen, ob Wildarten künftig als Nutzpflanzen genutzt werden können, welchen Beitrag die sogenannte Permakultur leisten kann oder welche Auswirkungen kleinräumige Landschaftsstrukturen (Mikroklimate, Schädlingsbekämpfung, Bestäubung) auf die landwirtschaftlichen Erträge haben

Solche Forschung braucht allerdings eine verlässliche Datengrundlage, besonders im Bereich der Artenerfassungen und des Monitorings, die immer noch größtenteils ehrenamtlich durchgeführt werden. Nur mit Unterstützung der Politik und den notwendigen finanziellen Mitteln kann dem Schutz der Biodiversität der notwendige Stellenwert gegeben werden.


Quellen:

  • Pellissier, V. et al. (2019): Effects of Natura 2000 on nontarget bird and butterfly species based on citizen science data. In: Conservation Biology, (Juni 2020), doi: 10.1111/cobi.13434.
  • Europäische Kommission (2020): EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 (abgerufen am: 18.06.2020)

Zum Weiterlesen:

Titelbild: Der Zwergbläuling (Cupido minimus) ist der kleinste Tagfalter Mitteleuropas und ein Spezialist für Offenlandschaften. Er profitiert nicht von den Natura 2000-Schutzgebieten. (Bildquelle: © Erk Dallmeyer)